Turkcell und der Fußball: Wie ein Mobilfunker zum Bezahldienst wurde

Im Juni 2002 gewann die Türkei in Daegu das Spiel um Platz drei der Weltmeisterschaft. Rüştü Reçber im Tor und Hakan Şükür im Sturm wurden zu Nationalhelden. Weniger beachtet blieb ein Partner, der kurz vor dem Turnier eingestiegen war. Es war der Mobilfunker Turkcell. Seitdem kamen und gingen Trainer und ganze Spielergenerationen. Der Sponsor blieb, und er hat sich in dieser Zeit selbst stark verändert.

Ein Sponsor seit der WM 2002

Alles begann mit der Nationalmannschaft. Turkcell unterstützt das A-Team nach eigenen Angaben seit 2002 und blieb auch in Jahren an Bord, in denen die großen Turniere ohne die Türkei stattfanden. Später weitete der Konzern sein Engagement deutlich aus. Zwischen 2005 und 2010 trug die Süper Lig den Namen des Unternehmens, dazu kamen Trikotdeals mit mehreren Klubs aus Anatolien. Bis heute führt der Verband Turkcell als Hauptsponsor seiner Nationalteams.

Wie beständig diese Partnerschaft ist, zeigt ein Blick auf die Trainerbank. Seit 2021 betreuten mit Stefan Kuntz und Vincenzo Montella zwei ausländische Coaches die Mannschaft. Erst vor wenigen Tagen hat sich der Verband von Vincenzo Montella getrennt, die Suche nach einem Nachfolger läuft. Während auf der Bank Unruhe herrscht, hat Turkcell sein eigenes Geschäft längst umgebaut. Der Mobilfunker verdient heute auch an Zahlungen, die mit Telefonie wenig zu tun haben.

Paycell: Wenn die Telefonrechnung zum Portemonnaie wird

Den Kern dieses Umbaus bildet Paycell, die Zahlungstochter des Konzerns. Über die App lassen sich Rechnungen begleichen und Geld per IBAN überweisen, im Handel wickelt Paycell zudem Kartenzahlungen an der Kasse ab. Am bekanntesten ist aber eine Funktion mit sperrigem Namen. Bei „Faturama Yansıt“, wörtlich „auf meine Rechnung umlegen“, landet ein Kauf einfach auf der monatlichen Turkcell-Abrechnung. Wer im Play Store eine App kauft oder ein Streaming-Abo abschließt, braucht dafür weder Kreditkarte noch Bankkonto. Für Kunden ohne Karte ist das oft der bequemste Weg ins Netz. Wer in einem Online Casino mit Handyrechnung bezahlen möchte, sollte vorab prüfen, ob der jeweilige Anbieter diese Zahlungsart unterstützt.

Im deutschsprachigen Raum heißt dasselbe Prinzip schlicht Handyrechnung. Der Kauf wird per SMS-Code bestätigt und taucht erst auf der nächsten Abrechnung des Netzbetreibers auf. Kartendaten muss dabei niemand angeben. Neben App-Stores und Verkehrsbetrieben rechnen in Österreich inzwischen auch Glücksspielanbieter so ab.

Laut dem Vergleichsportal AustriaWin24.at können Kunden von A1, Magenta und Drei einfach im Casino über die eigene Handyrechnung bezahlen, in der Regel bis 50 Euro pro Vorgang. Mehr als rund 300 Euro im Monat sind auf diesem Weg meist nicht möglich.

Das Bezahlgeschäft wächst schneller als der Mobilfunk

Kleine Beträge summieren sich allerdings. Welche Dimension das Geschäft in der Türkei erreicht hat, zeigt die jüngste Quartalsbilanz von Turkcell. Im zweiten Quartal 2026 wuchs das gesamte Transaktionsvolumen von Paycell um gut 67 Prozent auf 63,5 Milliarden Lira. Nach dem Kurs zum Quartalsende entspricht das rund 1,2 Milliarden Euro. Der Umsatz der Tochter stieg um 21,9 Prozent, während der Konzern als Ganzes nur um 2,5 Prozent zulegte.

Bemerkenswert ist auch, woher das Geld kommt. Gut 70 Prozent des Volumens stammen inzwischen von Kunden und Händlern außerhalb der Turkcell-Gruppe. Paycell ist damit längst mehr als eine Zusatzfunktion für Handykunden. Den größten Schub liefern Kassenterminals im Handel, doch laut Bericht wachsen auch die mobilen Zahlungen, weil mehr Nutzer die App aktiv verwenden. Je größer solche Systeme werden, desto wichtiger wird eine Frage: Wer schützt Kunden vor Abbuchungen, die sie nie wollten?

Strenge Regeln für Drittanbieter in Deutschland

In der Türkei landen solche Fälle regelmäßig auf Beschwerdeportalen. Nutzer berichten dort von Paycell-Posten auf der Rechnung, die sie nach eigener Aussage nie bestätigt haben. Deutschland hat für dieses Problem eine klare Vorgabe. Seit Februar 2020 dürfen Mobilfunkanbieter Drittanbieterleistungen über die Handyrechnung nur mit Schutzmaßnahmen abrechnen: entweder per Redirect-Verfahren oder nach einem Kombinationsmodell mit Registrierung, Login und Geld-zurück-Garantie. Beim Redirect bestätigt der Kunde den Kauf auf der Bezahlseite seines Netzbetreibers. Im Kombinationsmodell ist der Redirect für Abos Pflicht, außer bei Diensten mit Trusted-Partner-Login. Für Fans, die Spiele der Süper Lig per Streaming-Abo verfolgen und über das Handy bezahlen, ist das ein spürbarer Schutz. Wer trotzdem einen fremden Posten entdeckt, kann sich bei der Bundesnetzagentur beschweren. Eine Drittanbietersperre beim Netzbetreiber verhindert solche Abbuchungen von vornherein. Auf dem Platz fehlt der Türkei ein vergleichbarer Schutzmechanismus derzeit.

Der Sponsor bleibt, der Trainer geht

Dort regiert nach den jüngsten Niederlagen in der Nations League eher das Prinzip Hoffnung. Die Lehren aus dem Debakel sind schmerzhaft, und wer auch immer Montella nachfolgt, übernimmt eine verunsicherte Mannschaft. Turkcell wird auch diesen Neustart begleiten, so wie schon die Wechsel der vergangenen 24 Jahre. Aus dem Mobilfunker von 2002 ist dabei ein Konzern geworden, für den das Bezahlen ein eigenes Standbein ist. Für die Fans bleibt das Logo vertraut. Nur die Rechnung kann heute deutlich mehr als damals.