ISTANBUL, TURKEY - SEPTEMBER 13: Head coach Sergen Yalcin of Besiktas shows appreciation to the fans during the Trendyol Süper Lig match between Besiktas JK and Rams Basaksehir FK at Tupras Stadium on September 13, 2025 in Istanbul, Turkey. (Photo by Ahmad Mora/Getty Images)

Soll das die Zukunft sein? – LIGABlatt-Debatte zum neuen Türkei-Trainer Sergen Yalçın!

Sergen Yalçın soll die türkische Nationalmannschaft zurück in die Erfolgsspur bringen. Die Installierung des 53-Jährigen polarisiert – wegen seiner Person, wegen der Art und Weise der Verkündung, wegen der Vertragslaufzeit. Drei LIGABlatt-Redakteure kommentieren das neu besetzte Nationaltrainer-Amt, mit dem Konsens: Ideal ist die Besetzung nicht. 

LIGABlatt-Redakteur Mario Herb meint:

Man darf sich schon an den Kopf fassen und überlegen, was genau nun Sergen Yalçın ins mutmaßlich höchste Fußball-Amt des Landes hebt. Klar, mit dem Double-Sieg 2020/21 hat sich der ehemalige Beşiktaş-Trainer zumindest in schwarz-weißen Fankreisen unsterblich gemacht. Doch schon bei seiner zweiten Amtsperiode am Dolmabahçe-Palast dürfte es jedem Adler-Anhänger gedämmert haben, dass es vielleicht keine ganz so gute Idee war, den verdienten Ex-Spieler erneut einzustellen. Bis zuletzt folgte dann die Rolle als TV-Experte Kafa Sports, wo mehr mit Worten als Taten geglänzt wurde. Eines seiner Lieblingsthemen: Unverschämte, weil lange Vertragslaufzeiten von Trainern – etwas, das er laut eigenen Aussagen selbst beim verlockendsten Angebot nicht nachahmen würde. Türkei-Trainer ist er nun bis Sommer 2030, also knapp vier Jahre. Sergen Yalçın ist ein streitbarer Exzentriker, einer, der polarisiert, der zweifelsohne auch Mannschaften entwickeln und führen kann, in der Vergangenheit aber zu oft abseits des Rasens aufgefallen und letztlich auch nicht selten an sich selbst gescheitert ist. Sachverstand und Entwicklungspotenzial, gepaart mit Ruhe und Routine, Attribute, die die Türkei in der aktuellen Situation dringend benötigt, verkörpert Yalçın nur bedingt.

LIGABlatt-Redakteur Ove Frank meint:

Die grundsätzliche Frage, die man sich bei einem Trainerwechsel immer stellen muss, ist die nach den Zielen: Welches Ziel hat die TFF für die türkische Nationalmannschaft? Das naheliegendste Ziel wäre es meines Erachtens nach, bei der Heim-EM 2032 um den Titel mitzuspielen, doch dafür gilt es etwas aufzubauen. Mit aufregenden Talenten wie Arda Güler, Kenan Yıldız, Can Uzun, Aral Şimşir, Deniz Gül oder Demir Ege Tıknaz hat man einige mehr als nur vielversprechende Spieler, die in sechs Jahren erst in ihrer "Prime" ankommen werden. Wenn sie sich weiter so entwickeln, wie es sich bislang andeutet, wird die Türkei dann eine konkurrenzfähige Mannschaft haben, aber nur, wenn diese Spieler jetzt bereits lernen, Verantwortung zu tragen und voranzugehen, aber nur in einem dosierten Maße, sodass sie nicht sogleich von der Last erdrückt werden. Wie groß diese Last sein kann, war vor allem während der letzten Länderspielpause und dem fast schon überdreht wirkenden Einsatz Arda Gülers zu sehen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass man den kurzfristigen Erfolg hinten anstellen muss, um längerfristig etwas aufzubauen. Sergen Yalçın ist KEIN Entwickler! Von seinem Gebaren her muss man zuweilen sogar infrage stellen, inwieweit oder ob er überhaupt im modernen Fußball verankert ist. Für das Projekt 2032 braucht es einen energischen Trainer mit einer Vision, der den modernen Fußball kennt und bereit ist, sich mit diesem weiterzuentwickeln. Ein Fatih Tekke wäre hierbei beispielsweise meines Erachtens nach besser geeignet als exzentrischer und polarisierender Sprücheklopfer.

LIGABlatt-Redakteur Daniel Bauer meint:

Die – typischerweise auf eigene Faust – bekanntgegebene Ernennung von Sergen Yalçın als neuer Nationaltrainer der Türkei sehe ich kritisch. Ja, der 53-Jährige hat bei Beşiktaş große Erfolge gefeiert und ist grundsätzlich ein verdienter Trainer. Allerdings bestehen von meiner Seite erhebliche Zweifel, wie gut er mit der jungen, neuen Spielergeneration zurechtkommen wird und sich auf die Gegebenheiten des modernen Profifußballs einlassen kann. Mit diffamierenden öffentlichen Aussagen über die türkischen Ausnahmespieler Arda Güler und Kenan Yıldız, die er nun selbst trainieren soll, und deren Tauglichkeit als Superstars hat sich Yalçın jedenfalls keinen Gefallen getan. Gelingt es dem ehemaligen Offensivspieler, Zugang zum jungen Team zu finden, könnte es erfolgreicher laufen als bei seiner unter dem Strich enttäuschenden Rückkehr zu den "Schwarzen Adlern" in der vergangenen Saison. Die Qualität im Kader der Halbmondsterne dafür ist mehr als gegeben. Jetzt liegt es an Yalçın, seinem oft überheblichen Auftreten auch Taten – und in erster Linie Ergebnisse – folgen zu lassen. Selbst wenn ihm dies zunächst gelingen sollte, sehe ich den gebürtigen Istanbuler keineswegs als langfristige Lösung an der Seitenlinie der Türkei. Daran ändert auch ein Vertrag über vier Jahre nichts.

Foto: Ahmad Mora / Getty Images