Nachdem der WM-Auftakt für die Türkei mit einem überraschenden 0:2 gegen Außenseiter Australien krachend in die Hose ging, müssen an Spieltag zwei der Gruppenphase dringend drei Punkte her, um sich die Chance auf die K.o.-Phase zu wahren. Als nächstes geht es gegen Paraguay, das in deren Auftaktspiel gegen WM-Mitgastgeber USA mit 1:4 unter die Räder gekommen war. Also eine sichere Nummer für die Türken, oder? Nun, so sicher sollte man sich da nicht sein, denn die Südamerikaner haben durch das Australien-Spiel eine Blaupause bekommen, wie man die Türkei schlagen kann, die zudem noch ganz gut zu den eigenen Stärken passt. Eine Taktikanalyse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank.
Trotz des Umstands, das Paraguay mit seinen 6,7 Millionen Einwohnern nicht gerade ein Fußballriese ist, ist der Sport mit dem rollenden Ball tief in der Kultur des Landes Verbunden. Zwischen Brasilien und Argentinien gelegen, färbt die dortige Fußballbegeisterung bereits seit über einhundert Jahren auf Paraguay ab und viele Spieler schaffen den Sprung in die Profiligen der größeren Nachbarländer, von wo es sie nicht selten auch nach Europa bringt. Auf der großen Bühne unerfahren ist man also nicht, vor allem, wenn man bedenkt, dass dies für die paraguayische Männer-Nationalmannschaft bereits die neunte WM in der Verbandsgeschichte ist. Zwischen 1998 und 2010 war man immer qualifiziert, doch hatte es in der Zeit danach einen qualitativen Einbruch gegeben, der erst jetzt so allmählich aufgefangen wird. Nach 16 Jahren Abstinenz ist man nun also wieder da und hat gerade nach der bitteren 1:4-Niederlage gegen die USA im Auftaktspiel den Drang, sich zu beweisen. Hierfür geht es im zweiten Gruppenspiel am 20. Juni um 5:00 Uhr morgens (MEZ) in San Francisco gegen die Türkei.
Der WM-Kader Paraguays
Tor: Orlando Gill (San Lorenzo de Almagro), Gastón Olveira (Olimpia), Roberto Fernández (Club Cerro Porteño)
Abwehr: Omar Alderete (AFC Sunderland), Gustavo Gómez (SE Palmeiras São Paulo), José Canale (CA Lanús), Júnior Alonso (Clube Atlético Mineiro), Fabián Balbuena (Grêmio Porto Alegre), Gustavo Velázquez (Club Cerro Porteño), Alexandro Maidana (CA Talleres), Juan José Cáceres (Dinamo Moskau)
Mittelfeld: Andrés Cubas (Vancouver Whitecaps FC), Braian Ojeda (Orlando City SC), Diego Gómez (Brighton & Hove Albion), Damián Bobadilla (FC São Paulo), Matías Galarza (Atlanta United FC), Julio Enciso (RC Straßburg Alsace), Mauricio (SE Palmeiras São Paulo), Kaku (Al-Ain FC)
Angriff: Gustavo Caballero (FC Portsmouth), Miguel Almirón (Atlanta United FC), Ramon Sá (SE Palmeiras São Paulo), Isidro Pitta (Red Bull Bragantino), Álex Arce (CS Independiente Rivadavia), Antonio Sanabria (US Cremonese), Gabriel Ávalos (CA Independiente)
Players to watch
Bei jedem Team, das wir hier unter die Lupe nehmen, picken wir uns einige Spieler heraus, auf die man besonders ein Auge werfen sollte, da diese bei der WM für ihr jeweiliges Nationalteam eine ganz besondere Rolle einnehmen könnten. Bei Paraguay gibt es vor allem im offensiven Mittelfeld fußballerisch richtig starke Qualität, aber auch die Dynamik einiger Spieler weiterhinten darf man nicht unterschätzen.
- Juan José Cáceres: Der Rechtsverteidiger von Dinamo Moskau ist ein richtiges Kraftpaket: Zwar nicht einmal 1,8 Meter groß, dafür aber robust, schnell und durchsetzungsstark. In der Defensive schwer zu bespielen, macht der 26-Jährige gerne Tiefenläufe an der Außenbahn, um dann in die Schnittstelle zwischen gegnerischer Innen- und Außenverteidigung nach innen zu ziehen und entweder selbst aufs Tor zu schießen, oder auf die mitgelaufenen Mitspielern abzulegen. Auf ähnliche Weise hatte die Türkei auch gegen Australien das 0:1 kassiert, weshalb hier besondere Vorsicht geboten ist. Auch die Flanken von Cáceres haben es durchaus in sich und kommen mit viel Schnitt und Genauigkeit meist entweder flach oder halbhoch in den gegnerischen Strafraum. Auf diese Weise konnte er in Russland zuletzt acht Tore vorbereiten. Aufgrund der genannten Schwächen der Türken, könnte Juan José Cáceres in dieser Begegnung einer der Schlüsselspieler sein.
- Diego Gómez: Der Spielmacher von Brighton & Hove Albion hat seine Stärken vor allem in der Ballverteilung. Zudem ist er ein echtes Laufwunder, das sich nicht nur durch seine gute Technik, sondern auch durch seinen Fleiß und die Freude am frühen Pressing auszeichnet. Am liebsten hat es Gómez, wenn er in den rechten Halbraum abkippen kann, um von dort aus entweder Halbfeldflanken zu schlagen oder tödliche Steckpässe zu spielen. Damit hat der 23-Jährige durchaus Ähnlichkeiten zu Arda Güler, spielt aber anders als dieser nicht invers, sondern konservativer. Zwar ist der Mittelfeldmann ein guter Ballverteiler, aber weiß er auch selbst für Torgefahr zu sorgen, wenn man ihn denn die Räume lässt – das hat er in England mehrfach beweisen können. Hat Gómez Platz, huscht er mit Wucht zwischen den gegnerischen Ketten hindurch, um im Strafraum selbst unvermittelt den Abschluss zu suchen. Es ist daher ratsam, einen steten Bewacher für den Rechtsfuß abzustellen.
- Julio Enciso: In der Nationalmannschaft Paraguays beginnt der 22-Jährige meist als zweite Spitze, lässt sich aber gerne fallen, um sich entweder früher den Ball zu holen, oder in den entscheidenden Momenten mit Tiefgang in den gegnerischen Strafraum vorzurücken und den Pass des Mitspielers zu erwarten. Seine große Stärke liegt dabei im Eins-gegen-Eins, wobei er durch geschickte Dribblings entweder am Gegenspieler in gefährlichen Momenten vorbeikommt, oder Fouls rund um die Strafraumkante provoziert. Darüber hinaus verfügt Enciso über ein gutes Passspiel und kann gefährliche Flanken schlagen, womit er ein sehr kompletter offensiver Mittelfeldspieler ist, der gerne zwischen Box und Halbraum hin und her pendelt.
So könnte Paraguay spielen

Kader-Tool: fotmob.com
Das Team von Nationaltrainer Gustavo Alfaro beginnt am liebsten mit einem nominellen 4-4-2-System, was aber auf situativen Positionswechsel ausgelegt ist. Das bedeutet, dass im Ballbesitz ein flügellastigeres 4-1-4-1 erwartet werden kann, bei dem sich Damián Bobadilla zwischen die Innenverteidigung fallen lässt und Gustavo Gómez in den rechten defensiven Raum rutscht. Dabei Marschiert dann Juan Cáceres vor, um mit Miguel Almirón auf der linken Seite eine Flügelzange zu bilden. Diego Gómez rückt in den rechten Halbraum ein, während sich Julio Enciso in den linken Halbraum fallen lässt. Situativ rückt dann einer von beiden vor, während der andere den Spielmacher vor dem gegnerischen Strafraum mimt. Andrés Cubas fällt dabei die Aufgabe des alleinigen Sechsers zu, der Passwege zustellen und Bälle abfangen soll, um so schnell ins Umschaltspiel zu gehen. Vorne wird dann durch Steckpässe der beiden Spielmacher oder durch Flanken der beiden Außenbahnspieler der einzige echte Stürmer Antonio Sanabria gesucht. Enciso wird dabei oft ins Dribbling gehen, um Fouls zu provozieren und Standardsituationen zu ermöglichen. Die Defensive bleibt bei alle dem konservativ und verteidigt im tiefen Block, aus dem situativ sogar ein 6-2-2 entstehen kann, bei dem die Almirón links als Flügelverteidiger aushilft und Bobadilla zusätzlich das Zentrum dicht macht. Gómez und Cubas agieren dann als Staubsauger vor der Abwehr, während Enciso und Sanabria auf lange Bälle für Konter lauern.
Grundsätzlich ist Paraguay weder offensiv so durchschlagskräftig wie die USA, noch defensiv so diszipliniert und gut gestaffelt, wie Australien. Dennoch können gerade die beiden Einzelkünstler Diego Gómez und Julio Enciso immer durch besondere Aktionen für Überraschungsmomente sorgen, gegen die die Türkei – wie gegen Australien gesehen – anfällig ist, besonders wenn die Schnittstellen zwischen Innenverteidigung und Außenbahn bespielt wird. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass, sollte die Türkei erneut mit einem offensiven Zeki Çelik spielt, sich Julio Ensico im linken Halbraum lauern wird, um bei Gelegenheit in die Tiefe zu starten, und das Dribbling gegen die langsamere türkische Innenverteidigung zu suchen, so wie es Nestory Irankunda im ersten Gruppenspiel beim 1:0 für Australien gegen die Türkei gemacht hat. Ansonsten wird besonders auch die Doppelsechs gut zu tun haben, um Gómez und Enciso an den Steckpässen zu hindern. Grundsätzlich muss man geschickt zwischen Manndeckung und Raumaufteilung variieren, da man sich nicht zu sehr herauslocken lassen darf, um den Außenspielern Paraguays nicht den einfachen Durchmarsch zu erlauben.
Foto: Richard Heathcote / Getty Images
