Die Fußball-Weltmeisterschaft sollte das größte Sportfest der Welt sein. Stattdessen liefert sie immer häufiger den Eindruck einer Veranstaltung, bei der die FIFA zwar alles kontrollieren will, aber ausgerechnet das Wichtigste nicht mehr glaubwürdig kontrolliert bekommt: das Spiel selbst. Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteur Jan-Niklas Borgmann.
Die bizarre Show der Gruppenauslosung war damals bereits mehr als nur ein peinlicher Ausrutscher. Sie war ein Warnsignal. Während die Fußballwelt eigentlich auf Gruppen, Gegner und sportliche Geschichten blickte, rückte plötzlich US-Präsident Donald Trump in den Mittelpunkt. Gianni Infantino überreichte ihm den neu geschaffenen FIFA-Friedenspreis, als hätte der Weltverband nicht mehr zwischen Fußballbühne, politischer Inszenierung und persönlicher Selbstbeweihräucherung unterscheiden können. Schon damals wirkte diese Szene wie eine Karikatur der modernen FIFA. Ein Weltverband, der ständig von Einheit, Fairness und Verantwortung spricht, aber seine größte Bühne immer wieder für Machtbilder, Funktionärsposen und PR-Nummern preisgibt. Die FIFA, die uns einst magische Nächte bescherte, an die sich Fans Jahrzehnte später noch erinnern, scheint sich immer stärker in eine Organisation zu verwandeln, die den Fußball nicht mehr schützt, sondern verwaltet, verkauft und inszeniert.
Die Beschwerden häufen sich
Nun läuft diese Weltmeisterschaft und das Problem ist nicht kleiner geworden. Es ist vom roten Teppich auf den Rasen gewandert. Denn was bei dieser WM mit den Schiedsrichtern und dem VAR passiert, ist kaum noch nachvollziehbar. Es geht dabei nicht um eine einzelne Fehlentscheidung. Es geht nicht darum, dass Deutschland gegen Paraguay ausgeschieden ist. Es geht nicht darum, dass Algerien, Ghana, Brasilien oder irgendeine andere Nation sich benachteiligt fühlt. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Niemand erkennt mehr eine klare Linie. Mal wird Körperlichkeit laufen gelassen, als sei diese WM ein Experiment in englischer Härte. Mal greift der VAR bei minimalem Kontakt ein und nimmt ein Tor zurück. Mal heißt es, der Video-Assistent solle nur bei klaren und offensichtlichen Fehlern eingreifen. Mal wirkt es, als würde genau dieser Grundsatz in entscheidenden Momenten plötzlich vergessen.
Algerien beschwerte sich nach dem Spiel gegen Argentinien über nicht geahndete Szenen mit Lionel Messi und Alexis Mac Allister. Ghana haderte gegen England mit einem nicht überprüften Strafstoßmoment. Deutschland jubelte gegen Paraguay in der Verlängerung über das vermeintliche 2:1 durch Jonathan Tah, ehe der VAR eingriff und der Treffer wegen eines Blocks gegen den Torhüter aberkannt wurde. Und genau dadurch entsteht der schlimmste Eindruck, den ein Turnier bekommen kann: nicht zwingend der Eindruck von Betrug, aber definitiv mindestens der Eindruck von Willkür. Ob man jede dieser Szenen einzeln so oder anders bewerten kann, ist gar nicht der Kern. Der Kern ist: Die Maßstäbe passen nicht mehr zusammen. Das ist das eigentliche Gift für ein Turnier. Und dafür trägt am Ende die FIFA Verantwortung.
Wo ist die prognostizierte Gerechtigkeit
Wenn Spieler, Trainer, Fans und Experten nach einer Entscheidung nicht darüber diskutieren, ob sie richtig war, sondern warum dieselbe Linie zehn Minuten vorher noch nicht galt, ist das System gescheitert. Der VAR sollte den Fußball gerechter machen. Bei dieser WM wirkt er aber zu oft wie ein Überraschungsgast, der nur dann auftritt, wenn niemand mehr mit ihm rechnet. Er verschwindet bei harten Kontakten, taucht bei kleinen Berührungen wieder auf und hinterlässt nach seinen Eingriffen nicht Aufklärung, sondern neue Wut und Unverständnis. Und genau hier wird die FIFA zum Problem. Denn die Schiedsrichter sind am Ende nur das sichtbarste Symptom. Natürlich kann ein Referee danebenliegen. Natürlich kann ein VAR-Team eine Szene falsch einschätzen. Aber wenn sich diese Fehler häufen, wenn die Linie von Spiel zu Spiel schwankt und wenn selbst Trainer, Spieler und Experten nicht mehr wissen, was eigentlich erlaubt ist, dann ist das keine individuelle Panne mehr. Dann ist es ein strukturelles Problem.
Wo ist die Glaubwürdigkeit
Die FIFA wollte offenbar mehr laufen lassen. Mehr Spielfluss, weniger Unterbrechungen, weniger kleinliche Pfiffe. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen. Fußball muss nicht nach jedem Körperkontakt unterbrochen werden. Nur funktioniert eine großzügige Linie nur dann, wenn sie konsequent angewendet wird. Das hat nichts mit beleidigtem Fan-Gefühl zu tun. Es geht um Glaubwürdigkeit. Wer ein Turnier mit 48 Mannschaften organisiert, es global vermarktet und sich bei jeder Gelegenheit als Hüter des Fußballs inszeniert, muss auf dem Platz für Klarheit sorgen. Stattdessen liefert die FIFA eine Schiedsrichterlinie, die sich von Spiel zu Spiel verändert. Und neben dem Platz ist es ja nicht besser. Die Inszenierungen rund um Gianni Infantino, politische Nähe, aus dem Boden gestampfte Preise und große Bilder passen zu einem Verband, der längst mehr an Bühneninszenierung als an Bodenhaftung interessiert wirkt. Die FIFA redet von Verantwortung, Fairness und Einheit. Auf dem Rasen schafft sie es aber nicht einmal, ihre eigenen Maßstäbe nachvollziehbar zu erklären.
Nicht jeder strittige Pfiff ist ein Skandal, klar. Aber die Summe der Entscheidungen ist einer. Weil sie zeigt, dass die FIFA ihr wichtigstes Produkt nicht sauber im Griff hat. Der Weltverband will den Fußball größer machen, doch gerade macht er ihn vor allem unglaubwürdiger und schamloser, als jemals zuvor.
Foto: Luke Hales/Getty Images
