Ultras aus ganz Deutschland fordern: Der Fußball-Betrieb darf nicht fortgesetzt werden – und stoßen dabei mancherorts auf Unverständnis. Anstatt die zu zerplatzen drohende Fußball-Blase künstlich aufrecht zu erhalten, mahnen sie, die aktuelle Krise als Chance zu sehen und eher Grundlegendes zu hinterfragen. Ein kommentierender Bericht von LIGABlatt-Redakteur Mario Herb.  

Der Fußball steht vor dem Scheideweg. Eine letzte Überweisung der TV-Rechteinhaber in dreistelliger Millionenhöhe soll gleich mehrere Klubs im deutschen Fußball vor dem kompletten Ruin bewahren. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in sogenannten Geisterspielen, soll die Saison dann zu Ende gespielt werden. Mitten in dieser Planung, die gegenwärtig nicht mehr als einer reinen Bestandsaufnahme gleicht, melden sich die Ultra-Gruppierungen zu Wort und fordern in einem geschlossenen Schreiben: "Fußball hat in Deutschland eine herausgehobene Bedeutung, systemrelevant ist er jedoch ganz sicher nicht. Eine Lex Bundesliga darf es nicht geben."
Die Fanszenen Deutschlands, ein bundesweiter Zusammenschluss der meisten Ultras deutscher Profi-Klubs, führen im offenen Brief "Quarantäne für den Fußball – Geisterspiele sind keine Lösung" aus: "Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung."

Der Appell der Ultras ist gewohnt scharf, für viele einmal mehr unbequem. Manch einer möchte sich jetzt fragen: 'Was wollen die jetzt schon wieder?', 'Dass die sich nach den Vorfällen mit Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp überhaupt noch zu Wort melden dürfen, ist eine Schande' oder 'Denen geht es doch nur darum, dass sie bei Geisterspielen jetzt nicht mehr ihren Affenzirkus durchziehen können'. Wer die Ultras immer noch als Anti-Alles-Gruppierung pauschalisiert oder sie auf die Schmäh-Plakate gegen einen oft zwielichtig wirkenden Multi-Milliardär reduziert, hat sich nie richtig mit den Absichten der Gruppierungen beschäftigt. Wer sie stumpf als machtgierig und egozentrisch bezeichnet, kratzt an der Oberfläche. Und wer sie jetzt für den versuchten Aufruf und dem Überdenken der Fußball-Industrie in Bezug auf die derzeitige gesellschaftliche Situation kritisiert, der kann selbst kaum besser sein als die ach so bösen Ultras.

Abkopplung und Entfremdung – was nun?

Die Vorstellung, Fußballer werden in einem eigens abgekanzelten Quartier mehrmals pro Woche auf das Virus getestet, während die Kapazitäten in den "einfachen" Krankenhäusern für "normale" Menschen knapp werden, ist erschreckend. Der Fußball, als mit großem Abstand beliebteste Sportart in Deutschland, vereint im Sinne mehr Leute als es sich jeder Politiker und Außenstehende vorstellen mag und hat dadurch nicht nur eine gesellschaftliche Relevanz, sondern vor allem eine Vorbildfunktion. Wer glaubt, DFB und DFL sorgen sich derzeit um die Zukunft des Volkssport, der liegt falsch. Es geht einzig allein um das Premiumprodukt ganz oben. Spätestens alles ab der 3. Liga und darunter, wo die DFL ohnehin nicht mehr als Dachverband agiert, interessiert erstmal nicht.

Die Ultras, oft als die fanatischsten unter den Fußball-Fans bezeichnet, sehen in der aktuellen Krise und dem drohenden Zerfall des Fußballs auch eine Chance: Das Handeln mit abstrusen Summen, den Immer mehr-, Immer weiter-Gedanken und die allgemeine Entfremdung von der Basis – das gilt es grundlegend zu hinterfragen.
Ein konkreter Lösungsvorschlag ist das zwar noch nicht, auf jeden Fall aber ein fundamentaler Ansatz für die Zukunft. Lösungen können übrigens auch die obersten Fußball-Gremien nicht vorlegen. Pläne zu Förderdarlehen wurden bislang kategorisch wegen ihrer angeblich nicht gegebenen Umsetzbarkeit ebenso zerschlagen wie weitere Lockerungen für Insolvenzfristen oder andere Kriseninstrumente. Einen Königsweg aus der Krise gibt es ohnehin nicht. Der Wegfall von Arbeitsplätzen im und um den Fußballbereich für Einzelne wird genauso wenig zu verhindern sein wie die Insolvenz für den ein oder anderen Klub.

Fußball-Wirtschaft ohne Rücklagen stößt schnell an Belastungsgrenze 

Die Frage ist doch: Wie kann es sein, dass der Milliarden-Apparat Fußball bei ausbleibenden Zahlungen binnen weniger Wochen zu kollabieren droht?! Die Antwort ist einfach: Der Turbo-Kommerz und der ständig ansteigende Cash-Flow führen dazu, dass Klubs immer nur temporär und meist ohne Rücklagen wirtschaften. So kommt es, dass ein eigentlich riesiger Verein wie der FC Schalke 04, mit weit über 150.000 Mitgliedern und einem geschätzten Wert von 770 Millionen Euro, plötzlich unterzugehen droht. Trotz Misswirtschaft im großen Stil lässt sich hier meist mit großen Summen jonglieren, weil die laufenden Einnahmen aus dem TV-Pool das bis zum Hals stehende Wasser immer wieder zeitweise absaugen. Bleiben die Zahlungen abrupt aus, ist sofort Land unter. Wesentlich kleinere Klubs müssen ebenso fortlaufend ein finanzielles Risiko eingehen, um überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben. Bei den aktuellen Marktzahlen und Investitionen bleibt da für Rücklagen und Aufstockung des Eigenkapitals wenig übrig. Man lebt nur im Hier und Jetzt. Die einfachen Vereinsmitarbeiter, die bei einer Insolvenz ihren Job verlieren, sind jetzt die Unschuldigsten und gleichzeitig Mit-Leidtragenden dieser Maschinerie.

DFB und DFL – Hört den letzten Ruf der Ultras!

Die Ultras fordern deshalb "eine sachliche Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage und eine Abkehr vom blinden Retten durch TV-Gelder". Auch ein Abbruch der Saison müsse in Kauf genommen werden, wenn es die gesellschaftlichen Umstände nicht anders zulassen. Zudem dürfe es keine Krisengewinner – und verlierer geben. Für die Zukunft müssen Strukturen und Verbände auf einen finanziell und ideell sicheren Boden zurückgeholt werden.

Wären Ultras – so wie sie in der breiten Öffentlichkeit oft gesehen werden – egoistisch, machtbesessen und selbstsüchtig, hätten sie auch klar proklamieren können: "Wir haben es euch ja immer gesagt". Die Proteste und Appelle gegen die Zuspitzung der Kommerzialisierung mit dem irgendwann drohenden Ergebnis des kompletten Zerfalls wird schließlich seit Jahren versucht zu kommunizieren. Und was sagt eigentlich die Gegenseite DFB und DFL? Nichts. Bis Samstag haben sich beide zum Ultra-Brief nicht geäußert. Kooperativ haben sie sich ohnehin selten gezeigt. Das Krisenmanagement war schon zu Zeiten von Sommermärchen-Schwindel und Özil-Affäre mangelhaft. Spätestens jetzt wäre es aber an der Zeit, Strukturen zu überdenken. Für die Zukunft. Für die Menschen. Für den Fußball.

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