Die lange Länderspielpause, in der die deutsche Nationalmannschaft gleich vier Partien in der UEFA Nations League bestreiten musste, ist vorbei und damit auch die erste Bewährungsprobe für den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp. Mit einem Sieg zwei Unentschieden und einer Niederlage fällt das sportliche Fazit zwar überschaubar aus, doch ging es dem neuen Coach vor allem darum, neue Erkenntnisse zu gewinnen, wer zum Beispiel überzeugt und wer nicht, wer ein Gewinner der Länderspielpause ist und wer ein Verlierer. In diesem Artikel schauen wir uns die größten Verlierer der ersten Länderspielpause unter Jürgen Klopp an. Eine Analyse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank.
Die ersten vier Länderspiele seiner Amtszeit als neuer Bundestrainer wollte Jürgen Klopp, wie er selbst bekräftigte, zur Erkenntnisgewinnung nutzen. Aus diesem Grund nominierte der 59-Jährige mit 44 Spielern auch gleich einen absoluten XXL-Kader, den er dabei in zwei Mannschaften aufteilte, von denen die erste Mannschaft die ersten beiden Länderspiele gegen die Niederlande und Griechenland und die zweite Mannschaft die letzten beiden Spiele gegen Serbien sowie erneut gegen Griechenland bestreiten sollten. Diese Maßnahme erwies sich letztlich zwar als vielleicht nicht die beste, wenn es darum ging, Punkte zu sammeln, aber als sehr gut für den allgemeinen Erkenntnisgewinn. So hat auch das LIGABlatt zuletzt fünf Erkenntnisse aus dieser Länderspielpause gezogen. Das ist aber nicht alles: Nachdem das LIGABlatt am Mittwoch bereits die zehn größten Gewinner der ersten Länderspiele unter Jürgen Klopp identifiziert hat, sind in diesem Artikel nun die zehn größten Verlierer des Lehrgangs dran.
Verlierer #1: Saïd El Mala
Während der abgelaufenen Saison und gerade vor der WM gab es in Deutschland eine heiße Diskussion darüber, ob der damalige Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht Saïd El Mala nach Amerika mitnehmen sollte, hatte der Kölner doch eine wirklich tolle Saison gespielt und war man auf den Flügelpositionen nicht besonders gut besetzt. Die Nicht-Nominierung des Angreifers, vor allem nach der Verletzung von Lennart Karl, stieß auf allgemeines Unverständnis, vor allem da die Aussagen Nagelsmanns zu Saïd El Mala etwas inkonsistent wirkten. Nun hat der 20-Jährige sowohl gegen Serbien als auch gegen Griechenland seine Chance bekommen, doch wusste er in beiden Partien nicht wirklich zu überzeugen. Vor allem im Spiel gegen Griechenland, wo der gebürtige Krefelder zunächst auf der rechten Seite zum Einsatz kam, lief es nicht für ihn. Während ein Derry Scherhant auf der linken Seite wiederum einen richtig starken Eindruck hinterließ, blieb El Mala etwas hinter den Erwartungen zurück. Natürlich wird der junge Kölner auch in Zukunft noch seine Chancen bekommen, doch groß Eigenwerbung konnte er bislang noch nicht betreiben.
Verlierer #2: Kevin Schade
Ähnlich wie bei Saïd El Mala verhält es sich auch bei Kevin Schade. Dieser war auch von vielen Beobachtern für den deutschen WM-Kader gefordert worden, blieb aber ebenfalls zuhause. Als Jürgen Klopp dann nach seinem Amtsantritt als neuer Bundestrainer verkündete, mit klassischen Flügelspielern agieren zu wollen, war dies natürlich eine besondere Chance für den Brentford-Profi und tatsächlich stand er in den ersten beiden Länderspielen gegen die Niederlande und Griechenland jeweils direkt in der Startelf. Zwar waren seine Leistungen nicht katastrophal, oftmals wirkte der 24-Jährige auf dem Flügel aber etwas verloren und hatte wenig Momente, in denen er sich auszeichnen konnte. Zwar wird auch Kevin Schade sicherlich weiter seine Chancen bekommen, doch ist auch er ein Leidtragender der guten Auftritte Derry Scherhants, der auf dem linken Flügel nun die Ansprüche anmelden konnte, die Schade sicherlich gerne für sich selbst reklamiert hätte.
Verlierer #3: Vitaly Janelt
Wenn wir schon beim FC Brentford sind, können wir auch gleich über den nächsten deutschen Nationalspieler der "Bees" sprechen. Zwar ist es für Vitaly Janelt natürlich schon ein großer Erfolg, nach Jahren der völligen Missachtung durch die früheren Bundestrainer, nun endlich mal nominiert zu werden und beim 2:0 gegen Serbien auch sein Debüt in der deutschen A-Nationalmannschaft zu feiern, doch dauerte dies nur wenige Minuten und der 28-Jährige konnte sich nicht wirklich zeigen. Vom Sechser, der ein wenig als "Liebling der Fußball-Nerds" gilt, hätte man sich sicherlich mehr zu sehen erhofft, doch blieb diese Hoffnung unerwidert. Gerade dadurch, dass Aleksandar Pavlović, Tom Bischof und Florian Wirtz ihre Sache im Zentrum richtig gut gemacht haben und es noch weitere Spieler gibt, die in diesem Bereich des Feldes auf einen wichtigen Kaderplatz hoffen, dürfte das Möglichkeiten-Fenster Vitaly Janelts nun zumindest etwas kleiner geworden sein.
Verlierer #4: Nadiem Amiri
Durch die Verletzung von Jamal Musiala im Spiel gegen die Niederlande eher unverhofft in die Startelf gerückt, hatte der Mainzer dort leider überhaupt keine gute Figur abgegeben und die Rolle des offensiveren Achters im von Jürgen Klopp präferierten Dreiermittelfeld konnte Nadiem Amiri nicht gut ausfüllen, obgleich dies eigentlich dessen liebste Position ist. Dies im Zusammenhang damit, dass er immerhin schon 30 Jahre alt ist, während sich mit Florian Wirtz einer der etablierten Stars nun scheinbar auf dieser Position festgespielt hat, während auch ein Jamal Musiala dort eingesetzt werden kann und gleichzeitig mit Bambasé Conté ein deutlich jüngerer aufstrebender Profi aus Hoffenheim nun das Interesse des Bundestrainers geweckt hat, deutet nicht unbedingt darauf hin, dass Nadiem Amiri auch bei den kommenden Länderspielen zwingend mit einer Nominierung rechnen sollte.
Verlierer #5: Noah Atubolu
Trotz des Wechselhaften Auftritts von Marc-André Ter Stegen gegen die Niederlande, hatte Jürgen Klopp bereits bekräftigt, weiter mit dem Routinier im deutschen Tor zu planen. Von daher stellt sich die Frage nach der deutschen Nummer zwei und der Nummer drei. Dadurch, dass Alexander Nübel von Beşiktaş ein Spiel bekam und Jonas Urbig von den Bayern, trotz seines Status als Nummer zwei der Münchner, gleich zwei Spiele, kann man womöglich schon ableiten, wie in Zukunft da die Gemengelage im deutschen Tor sein wird. Bis zur EM soll Ter Stegen die Nummer eins sein, dahinter hätte man dann mit Nübel einen erfahrenen und mit Urbig einen jüngeren Keeper in der Hinterhand – Noah Atubolu, ebenso wie Finn Dahmen, scheinen hierbei nun hinten runterzufallen. Anders als der Augsburg-Keeper wird der Frankfurt-Neuzugang hingegen bereits seit einer ganzen Weile von der Öffentlichkeit als möglicher Nationaltorhüter gehandelt, wird sich nun aber womöglich noch bis zu zwei Jahre dafür gedulden müssen.
Verlierer #6: Nick Woltemade
Tatsächlich ist das Auftreten von Nick Woltemade in den letzten Deutschland-Spielen schwer zu bewerten, vor allem da der 24-Jährige im Gegenpressing durchaus seine Stärken hat und damit zu einem von Jürgen Klopp präferierten Spielstil passt. Der Umstand allerdings, dass der ehemalige Stuttgarter vorm gegnerischen Tor derzeit leider ein ziemlicher Chancentod ist, wirft ihn nun ordentlich Knüppel zwischen die Beine, denn vor allem an der Chancenverwertung wird der neue Bundestrainer in den nächsten Länderspielen arbeiten wollen. Hier nun könnte es sein, dass Jürgen Klopp das nächste Mal mehr auf klassische Torjäger setzen wird, was Nick Woltemade einfach nicht ist. Solange dieser bei Juventus Turin nicht performt, hat er aktuell nur wenig Argumente für eine erneute Nominierung, oder gar für einen Stammplatz auf seiner Seite.
Verlierer #7: Ridle Baku
Der Leipziger hat das große Problem, dass sich mit Philipp Treu ganz unverhofft jemand auf der sonst eigentlich vakanten Rechtsverteidigerposition nun offenbar festgespielt hat. Eigentlich hätte Ridle Baku um Vorfeld dieser Länderspielpause genau der Spieler sein können, der diese Lücke stopft. Dass er nun aber nicht eine Sekunde auf dem Platz gesehen hat, mag als kleiner Fingerzeig gelesen werden. Hinzu kommt, dass sowohl Philipp Treu als Auch Josha Vagnoman noch etwas jünger und entwicklungsfähiger sind als er. Außerdem hat Philipp Treu gezeigt, dass er mit seinen Anlagen, offensiv wie defensiv sehr gut zum intensiven Spielstil Jürgen Klopps passt, während der großgewachsene Josha Vagnoman noch ein bisschen mehr Athletik und Dynamik als der eher quirlige Ridle Baku. Im internen Rechtsverteidiger-Ranking dürfte sich dieser derzeit bestenfalls auf Platz drei einordnen.
Verlierer #8: Jonathan Tah
Jetzt kommen wir zu den großen Namen! Man muss festhalten, dass Jonathan Tah sowohl gegen die Niederlande als auch gegen Griechenland jeweils keine schlechte Partie gespielt hat, wirklich gut war er aber auch nicht. Man merkt, dass dem 30-Jährigen in der einen oder anderen Situation die Spritzigkeit fehlt, um sich vor allem gegen schnelle Angreifer richtig zu positionieren. Außerdem hat Jonathan Tah in jedem Spiel mindestens ein schweres Abstimmungsproblem mit seinen Nebenleuten drin, was schnell teuer werden könnte, während ihm die Qualitäten eines Nico Schlotterbecks als Linksfuß sowie als aufbauender Spieler von hinten heraus abgehen. Vor dem Hintergrund, dass mit Yann Aurel Bisseck, Waldemar Anton und vor allem Malick Thiaw gleich drei weitere Innenverteidiger richtig Werbung für sich machen konnten und allesamt deutlich sicherer wirkten als der Bayern-Profi, dürfte dieser nun vielleicht nicht mehr ganz so fest im Sattel sitzen als noch vor der Länderspielpause.
Verlierer #9: Felix Nmecha
Trotz seines Tores gegen die Niederlande bleibt Felix Nmecha einer der großen Verlierer nicht nur dieser Länderspielpause, sondern der letzten Monate. Gerade im Mittelfeld hatte die deutsche Mannschaft gegen körperlich und "eklig" spielende Gegner vor allem auch bei der WM große Probleme. Der gemeinsame Nenner war dabei aber stets der Dortmunder, der in Amerika noch an der Seite von Aleksandar Pavlović agierte und nun neben Joshua Kimmich. Auch gegen die Niederlande und gegen Griechenland hatte man im Mittelfeld enorme Probleme, wobei Felix Nmecha vor allem beim 0:1 gegen die Griechen alles andere als gut aussah und die nötige Intensität vermissen ließ – eine Intensität, die ein Aleksandar Pavlović, ein Tom Bischof und ein Florian Wirtz später sehr wohl zeigen konnten. Wenn der 25-Jährige, der mit seiner Athletik und seiner tollen Technik eigentlich alles mitbringt, was es braucht, weiterhin so laissez-faire gegen den Ball auftritt, wird er es schwer haben, unter Jürgen Klopp einer für die Startelf zu sein. Um aber völlig aus dem Kader zu fliegen, ist Felix Nmecha aber einfach zu gut und kann gerade nach vorne eine Waffe sein.
Verlierer #10: Joshua Kimmich
Kommen wir zu guter Letzt zu dem Namen, auf den ihr wahrscheinlich schon alle gewartet habt: Ja, Joshua Kimmich ist einer der Verlierer dieser Länderspielpause und das, obwohl er nicht einmal schlecht gespielt hat. Trotzdem sah die deutsche Nationalmannschaft in den beiden Spielen ohne ihn deutlich besser aus als in den beiden Partien mit ihm. Das Problem ist, dass der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft einfach zu viel will: Gleichzeitig will er "Aggressive Leader" gegen den Ball sein, aber auch das Spiel von hinten aufbauen und vorne die entscheidenden Pässe spielen. Das funktioniert so aber nicht – Joshua Kimmich kann nicht überall zugleich sein. Der zweite Kader mit dem bereits vielgelobten Dreiermittelfeld Pavlović-Bischof-Wirtz hat viel besser zeigen können, wie es in Zukunft funktionieren kann, da hier die Aufgabenverteilung eindeutig geklärt ist und jeder seine klare Rolle hat. Ein Joshua Kimmich bremst durch seine Überpräsenz unbewusst das deutsche Spiel aus, was gerade im direkten Kontrast zu den Spielen, wo er auf dem Platz stand, und wo nicht, eindeutig zu sehen war.
Bonus: Quo vadis, Joshua Kimmich?
Sollte Jürgen Klopp Joshua Kimmich nun rausschmeißen, wie es viele fordern? Ist tatsächlich der Münchner das Problem? Immerhin hatte ich im Sommer noch selbst dessen Rücktritt aus der Nationalmannschaft gefordert. Nun, dafür ist es nun zu spät: Der Bundestrainer hat Joshua Kimmich bereits als Kapitän bestätigt und ein nachträglicher Cut würde wohl eher Schaden anrichten als Dinge geraderücken. Außerdem hat er das auch nicht verdient! Man muss und sollte also mit Joshua Kimmich weitermachen, doch muss dieser auch akzeptieren, dass er nur ein Zahnrad von vielen im deutschen Getriebe ist.
Wenn Joshua Kimmich es schafft, vielleicht an der Seite von Aleksandar Pavlović und Florian Wirtz die Bischof-Rolle als Achter, der eher offensiv eingesetzt wird und nicht der Ballverteiler dient – das ist die Aufgabe von Pavlović – sich ins Gesamtgefüge zu integrieren, dann kann es auch mit ihm klappen. Er muss aber akzeptieren, dass sich nicht alles um ihn dreht. Die Qualität im Aufbau eines Toni Kroos hat er einfach nicht, seine Bälle hinter die gegnerische Abwehr sind aber noch immer Weltklasse. Aber tatsächlich traue ich dem 31-Jährigen zu, dass er sich wieder in den Dienst der Mannschaft stellt, bei der letzten EM sowie bei der WM tat er das ja immerhin auch, als er auf der ungeliebten Rechtsverteidigerposition auflief. Ein Joshua Kimmich hat noch immer die Qualität, eine deutsche Mannschaft besser zu machen und man kann ihm nicht absprechen, Verantwortung übernehmen zu wollen.
Foto: Alex Grimm / Getty Images
