HERZOGENAURACH, GERMANY - SEPTEMBER 29:Juergen Klopp, Head coach of Germany talks to his players during a training session of Germany at Homeground on September 29, 2026 in Herzogenaurach, Germany. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Fünf Erkenntnisse aus Jürgen Klopps ersten Länderspielen als Bundestrainer

Der neue Bundestrainer hat viel Arbeit vor sich

Die ersten vier Länderspiele von Jürgen Klopp sind nun im Kasten. Mit einem Sieg, zwei Unentschieden und einer Niederlage fällt das Fazit vielleicht eher durchwachsen aus, doch angesichts dessen, dass der neue Bundestrainer mit seinem aus 44 Spielern bestehenden und in zwei Mannschaften eingeteilten XXL-Kader primär auf Experimente und weniger auf Ergebnisse setzte, sollten diese Spiele daher auch differenzierter betrachtet werden. Tatsächlich kann man nach diesen vier Partien schon einmal eine erste kleine Bilanz ziehen und die Erkenntnisse auswerten. Fünf Erkenntnisse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank. 

Auch Deutschland ist kein kein Top-Team 

Ähnlich wie LIGABlatt-Redakteur Mario Herb, der fünf Erkenntnisse aus dem Nations-League-Debakel der Türkei herausgearbeitet hat, muss auch hier bilanziert werden, dass die deutsche Nationalmannschaft aktuell qualitativ einfach nicht mehr zur ersten Güte zählt. Zwar hat man mit Joshua Kimmich, Florian Wirtz und Jamal Musiala noch ein paar Kicker, die an guten Tagen die Weltklasse erreichen – Joshua Kimmich gelingt dies bei den Bayern noch am regelmäßigsten – doch dahinter hat man es zwar mit einem guten, aber nicht unbedingt überragenden Spielerpotenzial zu tun, das wiederum, wenn nicht alles ineinandergreift, zudem nur selten wirklich ausgeschöpft wird.

Im ersten Spiel gegen die Niederlande hatte man zwar eine kämpferisch gute Leistung gezeigt, der späte Ausgleich war allerdings mehr als überfällig und ehrlicherweise hätte die Niederlande, die dieser Tage auch nicht mehr zum obersten Regal zählt, die Begegnung auch gewinnen können oder gar müssen. Im zweiten Spiel gegen Griechenland in Augsburg hatte dann nur noch ganz wenig funktioniert und weder hatte man vorne wirklich Durchschlagskraft, noch kam man mit der Intensität der Griechen zurecht. Im Spiel gegen Serbien und im Rückspiel gegen Griechenland sah es zwar besser aus – gerade die Arbeit gegen den Ball sah gut aus – doch fehlt es in der Box schlicht und einfach an Qualität, um Tore zu erschießen.

Aber auch in der zweiten Halbzeit der zweiten Griechenland-Partie war zu erkennen, wie schwer sich die deutschen tun, wenn der Gegner mal "eklig" spielt. Da muss noch viel gearbeitet werden und wenn das Selbstverständnis, solche Nationen mit der eigenen Qualität zu erdrücken, nicht sitzt, muss man infrage stellen, ob es diese Qualität überhaupt bringt. Theorie bringt letztlich nicht viel, denn, um BVB-Legende Alfred "Adi" Preißler zu zitieren: "Grau is‘ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is‘ auf’m Platz!" Von daher liegt vor Jürgen Klopp noch viel Arbeit.

Der XXL-Kader war eine gute Idee 

Es ist sehr bezeichnend für die deutsche Medienlandschaft, wie über Jürgen Klopps Entscheidung, für die ersten vier Länderspiele einen aus 44 Mann bestehenden XXL-Kader zu nominieren, berichtet wurde. Zunächst galt diese Maßnahme vielerorts noch als "revolutionär" und "genial". Immerhin signalisierte der neue Bundestrainer damit ganz klar, dass er Dinge ausprobieren und auch mal Spielern eine Chance geben wollte, die von seinen Vorgängern Julian Nagelsmann, Hansi Flick und Joachim Löw vielleicht noch übersehen wurden. Als dann aber zunächst die Ergebnisse ausblieben und man gegen Griechenland verlor, war dann die Panik groß und es hieß einmal mehr, dass der deutsche Fußball dem Untergang geweiht sei, nur damit nach den nächsten beiden Spielen, in denen dann vor allem eher Spieler, die unter Julian Nagelsmann keine große Rolle gespielt hatten, zum Einsatz kamen, es dann wieder hieß, Jürgen Klopp hätte den deutschen Fußball wachgeküsst. Was denn nun? Lasst uns das doch einmal kurz sachlich aufarbeiten:

Jürgen Klopp wollte sich einmal ein Bild von den ihm zur Verfügung stehenden Spielern machen und diesen das Signal geben, dass unter ihm jeder seine Chance erhält. Dabei hat Klopp seinen Kader bewusst in zwei Teams eingeteilt, wobei der erste Kader noch mehr dem eines Julian Nagelsmanns ähnelte und viel Erfahrung mitbrachte, der zweite aber im Schnitt etwa zwei Jahre jünger war und deutlich weniger Länderspiele auf dem Buckel hatte. Weniger von den Ergebnissen, dafür umso mehr aber vom Auftreten der Spieler her, konnte der DFB-Coach dann erkennen, wo es vielleicht unausgeschöpftes Potenzial gibt und wer sich seinen Platz in der Startelf eher weniger verdient hat.

Die erste Mannschaft rund um Kapitän Joshua Kimmich wirkte deutlich lethargischer und die alten Probleme waren wieder zu erkennen. Der jüngere zweite Kader hingegen zeigte sich top-motiviert und entsprach gerade im Gegenpressing eher dem Bild, was man von einer Jürgen-Klopp-Mannschaft gewohnt ist. Hierbei konnten einige Spieler ordentlich Werbung für sich machen, in Zukunft vielleicht mehr Verantwortung im DFB-Dress zu übernehmen. Das ist eine wichtige und wertvolle Erkenntnis. Dass die sportlichen Ergebnisse vielleicht etwas enttäuschend ausfielen, muss man aber eben hierfür wohl in Kauf nehmen.

Ein neuer Spielstil ist möglich 

Gerade bei den letzten beiden Spielen, dem 2:0-Sieg gegen Serbien und dem 0:0 in Griechenland, war deutlich mehr Leben in der deutschen Mannschaft zu erkennen: Die Jungs haben ein starkes Gegenpressig gezeigt, früh Bälle erobert und dabei hinten wenig anbrennen lassen. Gleich zweimal hintereinander blieb man ohne Gegentor, was zuvor elf Monate lang nicht der Fall gewesen war. Vorne erspielte man sich dabei deutlich mehr Abschlüsse und allgemein war wesentlich mehr Bewegung im deutschen Spiel. Das erinnerte schon deutlich eher an den Jürgen-Klopp-Fußball, den man aus Liverpool und Dortmund kannte und es machte Lust auf mehr. Der deutsche Ballbesitzfußball muss also nicht immer lethargisch und uninspiriert sein, man kann auch anders. Natürlich braucht es im Strafraum noch immer einen echten Torjäger, aber das Problemen ist seit Jahren bekannt. Was ebenfalls positiv ist, dass die zweite Mannschaft im Rückspiel gegen Griechenland nicht gleich den Faden verlor, als die Griechen in der zweiten Hälfte einen deutlich "ekligeren", körperbetonten Spielstil mit vielen Unterbrechung und reichlich Theatralik zeigten. Zwar tat man sich dann deutlich schwerer, gegen Paraguay und Ecuador, die bei der WM sehr ähnlich auftraten, wirkte man allerdings heillos überfordert und hier nicht. Nochmal: man kann auch anders!

Weniger Bayern, mehr Freiburg! 

Ok, "weniger Bayern" ist hier vielleicht etwas überspitzt, da selbst in der zweiten Mannschaft Spieler, die besonders zu überzeugen wussten, wie eben Aleksandar Pavlović, Tom Bischof und Jonas Urbig auch beim deutschen Rekordmeister spielen, doch sind diese dort nicht die Top-Stars wie eben Joshua Kimmich und Jonathan Tah. Insgesamt aber konnte man vor allem an den Beispielen Philipp Treu und Derry Scherhant erkennen, dass man, um eine klare Spielidee zu verfolgen, nicht immer auf die besten Spieler der größten Klubs setzen muss, denn auch Spieler von vermeintlich kleineren Vereinen können kicken und das richtig gut!

Derry Scherhant war bei seinen ersten beiden Länderspielen der Offensivakteur, der durch seine Unbekümmertheit wohl am meisten Spaß gemacht hat, während Philipp Treu gleich in drei Partien jeweils mindestens mal einen sehr soliden bis guten Job gemacht hat. Es gibt sie also doch, die guten deutschen Flügelstürmer und Rechtsverteidiger – nur eben vielleicht nicht bei den absoluten Top-Klubs. Dies sollte Jürgen Klopp ein klares Zeichen sein, auch in Zukunft weiter Spieler von kleineren Vereinen einzuladen und diese ins kalte Wasser zu werfen. Wer weiß, vielleicht finden wir ja doch noch einen guten Abschlussstürmer. Looking at you, Tim Lemperle and Phillip Tietz!

Ein neues deutsches Mittelfeld 

Was bei den Spielen des ersten und des zweiten Kaders im direkten Vergleich besonders auffiel, waren Intensität und Spielweise im Mittelfeld. In beiden Fällen hatte Jürgen Klopp ein 4-3-3-System mit einem Dreiermittelfeld bestehend aus einem Sechser, einem Achter und einem Zehner ausprobiert. Das Trio Joshua Kimmich, Felix Nmecha und Nadiem Amiri konnte dabei weder für besonders viel Kreativität nach vorne, noch für Aggressivität und Körperlichkeit gegen den Ball sorgen. Das zweite Mittelfeld-Trio bestehend aus Aleksandar Pavlović, Tom Bischof und Florian Wirtz hingegen wirkte deutlich spritziger und ausgewogener: Pavlović stand tief, verteilte die Bälle und führte Defensivzweikämpfe, Tom Bischof lief den Gegner aggressiv an und blieb stets anspielbereit, während Florian Wirtz auch mal ins Eins-gegen-Eins ging und die Schnittstellenpässe spielte. Zwar saßen noch nicht alle Abläufe, die Ansätze waren aber richtig gut. Was ebenfalls betont werden muss, ist der Umstand, dass das zweite Trio noch sehr jung und entwicklungsfähig ist: Florian Wirtz ist 23, Aleksandar Pavlović 22 und Tom Bischof erst 21 Jahre alt – ihnen gehört die Zukunft!

Basierend auf den großen Unterschieden im Auftreten der beiden deutschen Teams, sollte viel über die Kader-Struktur und die zukünftige Startelf, vor allem im Mittelfeld, diskutiert werden. Muss Joshua Kimmich nun aus der Mannschaft geworfen werden? Immerhin hatte ich nach dem deutschen WM-Aus ja noch lautstark dessen Rücktritt gefordert – wobei es dabei eher um den symbolischen Wert als um Kimmichs sportliche Qualität ging. Nun, das besprechen wir in Bälde im nächsten Artikel, wenn wir uns über den deutschen Kader für die November-Länderspielpause Gedanken machen. Da überlegen wir, welche Spieler Jürgen Klopp nominieren sollte – er hatte ja bereits angekündigt, dass es keinen weiteren XXL-Kader geben wird, sondern er eher mit 24 Spielern plane – und, basierend aus den Erkenntnissen aus den ersten vier Länderspielen unter dem neuen Bundestrainer, wie die Startelf aussehen könnte/müsste.

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images