Die Türkei ist das erste Mal seit 24 Jahren wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert und die Vorfreude kennt natürlich keine Grenzen mehr. Doch welche Chancen kann man sich beim Turnier in den USA, Kanada und Mexiko wirklich ausmahlen und gegen wen muss man ran? Hier bei LIGABlatt nehmen wir die Gruppengegner der Türkei vor jedem Spiel genau unter die Lupe und arbeiten heraus, was diese auszeichnet und wo bei ihnen jeweils die Schwächen liegen. Den Auftakt macht dabei der erste türkische Gruppengegner Australien. Eine Taktikanalyse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank.
Bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko wird die Türkei durch die Vorrunde mindestens drei Spiele bestreiten, und wenn man dabei gute Ergebnisse einfährt, mag sogar die KO-Runde drin sein. Hierfür muss man allerdings erst einmal die nötigen Punkte einsacken, indem man im Idealfall alle drei Gruppengegner schlägt. Mit Australien, Paraguay und Gastgeber USA hat man auf dem Papier tatsächlich eine machbare Gruppe erwischt, in der die Türkei als Favorit antreten wird. Ganz so einfach dürfte das Unterfangen aber dennoch nicht werden, da gerade die Australier etwas haben, das den Türken fehlt: WM-Erfahrung! Seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland waren die "Socceroos" für jedes Turnier qualifiziert, wobei man bei der WM in Qatar zuletzt sogar das Achtelfinale erreichen konnte. Am Sonntag, dem 14. Juni um 6:00 Uhr MEZ steigt dann für die Türkei in Vancouver das erste Gruppenspiel gegen Australien.
Der WM-Kader Australiens
Tor: Patrick Beach (Melbourne City), Paul Izzo (Randers FC), Mathew Ryan (UD Levante)
Abwehr: Aziz Behich (Melbourne City), Jordan Bos (Feyenoord Rotterdam), Cameron Burgess (Swansea City), Alessandro Circati (Parma Calcio), Milos Degenek (APOEL Nikosia), Jason Geria (Albirex Niigata), Lucas Herrington (Colorado Rapids), Jacob Italiano (Grazer AK), Harry Souttar (Leicester City), Kai Trewin (New York City FC)
Mittelfeld: Cammy Devlin (Heart of Midlothian FC), Ajdin Hrustic (Heracles Almelo), Jackson Irvine (FC St. Pauli), Connor Metcalfe (FC St. Pauli) Paul Okon-Engstler (Sydney FC), Aiden O’Neill (New York City FC)
Angriff: Nestory Irankunda (FC Watford), Mathew Leckie (Melbourne City FC), Awer Mabil (CD Castellón), Mohamed Touré (Norwich City), Nishan Velupillay (Melbourne Victory), Cristian Volpato (US Sassuolo), Tete Yengi (Machida Zelvia)
Das australische Team hat keine großen Einzelkünstler und ist ziemlich bunt zusammengestellt. Während einige Profis in der Heimat zocken, bleibt aber festzuhalten, dass nicht wenige Spieler Erfahrung in Europa sammeln konnten. Das St.-Pauli-Duo bestehend aus Jackson Irvine und Connor Metcalfe ist bekannt, aber auch in England und Italien sind einige Kicker unter Vertrag und selbst ältere Spieler, wie Mathew Leckie, die in Australien ihr Geld verdienen, haben früher europäisch gespielt. Allgemein zeichnet sich das Team von Cheftrainer Tony Popovic durch eine gute Mischung aus reichlich Erfahrung und jungem Talent aus. Die neun gefetteten Spieler waren schon bei der WM 2022 dabei. Seitdem hat sich im Team aber einiges getan und man versucht auch, durchaus zukunftsorientiert aufzustellen.
Player(s) to watch
Bei jedem Team, das wir hier unter die Lupe nehmen, picken wir uns ein bis drei Spieler heraus, auf die man besonders ein Auge werfen sollte, da diese bei der WM für ihr jeweiliges Nationalteam eine ganz besondere Rolle einnehmen könnten. Bei den Australiern sind es vor allem die jungen aufstrebenden Stars aus Europa, die man im Blick haben sollte, da dieses Turnier für sie eben die große Bühne sein könnte, die sie brauchen, um sich sogar für noch größere Klubs zu empfehlen.
- Alessandro Circati: Den Anfang macht hierbei Parma-Innenverteidiger Alessandro Circati, der in der Serie A eine richtig gute Saison hinter sich hat und in deren Verlauf seinen Marktwert von acht auf 12 Millionen Euro steigern konnte, womit er auf dem Papier gemeinsam mit Jordan Bos der wertvollste Spieler im Kader Australiens ist. Circati zeichnet sich vor allem durch eine enorme Durchsetzungsfähigkeit in der Luft, allgemeine Zweikampfhärte und seine Zuverlässigkeit aus, wonach er kaum trotz seiner jungen 22 Jahre kaum Fehler begeht und selbst unter Druck meist die Ruhe behält.
- Jordan Bos: Der 23-Jährige hat bei Feyenoord eine herausragende Saison hinter sich. Für gerade einmal fünf Millionen Euro von KVC Westerlo gekommen, wird sein Marktwert inzwischen ebenfalls auf 12 Millionen Euro taxiert und das nicht ohne Grund, denn, zwischen den Rollen als klassischer Linksverteidiger und linker Schienenspieler mäandernd, bietet der Linksfuß ein faszinierendes Gesamtpaket aus guter Physis, Athletik, Tempo, Zweikampfhärte, Torgefahr und vor allem guter Übersicht. So konnte Bos in der Eredivisie in der abgelaufenen Saison vier Tore erzielen und neun weitere auflegen, was für einen Außenverteidiger richtig starke Zahlen sind. Dabei liebt es Jordan Bos zwar die linke Schiene rauf und runter zu laufen, kann aber auch nach innen ziehen, um vorm gegnerischen Tor selbst den Abschluss zu suchen, oder ins Kombinationsspiel zu gehen.
- Nestory Irankunda: Zwischenzeitlich in der Jugend des FC Bayern München unterwegs, konnte der in Tansania geborene Flügelflitzer sich dort zwar nicht durchsetzen, wechselte dann aber über die Grashoppers zum FC Watford in die zweite englische Liga, wo er sich als Stammspieler etablieren konnte. Irankunda ist bereits Profi, seitdem er 15 Jahre alt ist und gilt allgemein als das größte fußballerische Talent Australiens seit Tim Cahill. Die Stärken des heute 20-Jährigen liegen vor allem in seinen Dribblings, seiner Explosivität und seinem starken rechten Fuß, mit dem er gute Standards treten kann. Zudem lässt sich Irankunda situativ gerne auf die Flügel fallen, oder zieht als zweite Spitze in den Strafraum, wodurch er schwer zu fassen ist. Allerdings hat der Angreifer mit seinem 1,75 m körperlich hier und da seine Schwächen. Zudem lässt er sich leicht reizen, weshalb er zu unüberlegten Aktionen neigt.
So könnte Australien spielen

Kader-Tool: fotmob.com
Die "Socceroos" kommen in der Regel aus einem tiefen Block und treten meist nominell in einem 5-4-1-, bzw. einem 5-2-3-System an, das aber eigentlich nie dabei bleibt. Gerade durch das teilweise extreme Hochschieben der Schienenspieler und das Einrücken der beiden Flügel ergibt sich im Ballbesitz gerne mal ein 3-2-5 oder wenn Cristian Volpato spielt ein 3-2-1-4, da dieser am liebsten noch vor dem Strafraum in die Mitte zieht, um hier seine Spielmacherqualitäten auszuspielen. In diesem Fall tendiert dann Nestory Irankunda dazu, in den Strafraum einzurücken und als zweiter Stürmer zu agieren, während die Schienenspieler von außen für Überzahlsituationen und für (vorzugsweise flache) Hereingaben sorgen sollen. Am meisten Gefahr geht dabei eindeutig über die linke Seite aus, da Jordan Bos und Nestory Irankunda wunderbar harmonieren und sich ergänzen, indem sie sich mit ihren Rollen, wer offensiv die Außenbahn und wer den Halbraum beläuft, regelmäßig abwechseln.
Defensiv geht Australien in einen klassischen Positionsblock, wobei nur sehr situativ Manndeckung praktiziert wird. Meist schiebt ein Innenverteidiger gegen den Ball vor und wird dabei vom jeweiligen Schienenspieler, einem der beiden Sechser sowie dem jeweiligen Flügelspieler unterstützt, wodurch der Druck auf den ballführenden Gegenspieler immer ziemlich hoch ist. Dieses Anlaufen ist jedoch für die Australier sehr kräftezehrend, weshalb sie mit temporeichen Einwechselspielern auf den Außen in der Schlussphase häufiger mal Probleme haben. Hierfür ist es grundsätzlich gut, ein kontrolliertes Spiel übers Mittelfeld aufzuziehen, um dann in kürzester Zeit auf schnell einlaufende Flügelspieler zu verlagern, wenn man die "Socceroos" vor Probleme stellen will. Defensiv sollte man jedoch vor allem auf eine gute Raumaufteilung achten und weniger auf Manndeckung gehen.
Foto: Darrian Traynor / Getty Images
