Deutschland ist raus, und das wieder einmal früher als gedacht. Wieder steht man fassungslos vor den Trümmern einer Mannschaft, die sich selbst überschätzt hat. Am Ende bleibt nur eine bittere Erkenntnis: Die große Zeit als Fußball-Nation ist endgültig vorbei, und auch Gary Linekers legendärer Spruch ist Geschichte. Seine jüngsten kritischen Aussagen hingegen klingen wie eine knallharte Diagnose eines sportlichen Tiefpunkts, der seinesgleichen sucht. Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteur Arben Hoti.
"Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen", lauteten einst die Worte der England-Ikone Gary Lineker nach dem WM-Halbfinale 1990. Die Aussagen wirkten zum damaligen Zeitpunkt wie eine Mischung aus Respekt und Frustration, trafen aber den Kern: Fußball-Deutschland war zu den besten Zeiten eines der gefürchteten und angesehenen Teams, gegen die keine Nation gerne antreten wollte. Mit Blick auf die Neuzeit wirken diese Sätze nicht mehr zeitgemäß, Kinder der jüngeren Generation würden vermutlich auch die Glaubwürdigkeit dieser Aussagen in Frage stellen. Denn Fakt ist: Die Deutschen kommen nicht mehr an die erfolgreichen Zeiten der Vergangenheit heran. Sie gewinnen längst nicht mehr, sondern sie scheitern. Und zwar regelmäßig. Das gestrige WM-Aus ist dabei weder ein Betriebsunfall, noch Pech oder die Folge eines unglücklichen Turnierverlaufs. Vielmehr ist es die logische Konsequenz jahrelanger Selbstzufriedenheit, falscher Entscheidungen und einer erschreckenden Realitätsverweigerung im deutschen Fußball. Zu lange hat man sich auf den vergangenen Erfolgen ausgeruht, ohne dabei zu erkennen, dass andere Nationen schneller, hungriger und schlicht besser geworden sind, während man selbst stehen geblieben ist. Zwar hat man nach wie vor Spieler auf Top-Niveau im Kader, die mit ihren Vereinen auch international immer wieder für Aufsehen sorgen. Doch bei der Nationalmannschaft hat das, was auf dem Platz zu sehen ist, mit den deutschen Tugenden aus den besten Zeiten wenig zu tun. Kein Biss, keine Klarheit, keine Führung. Stattdessen ein Team, das wirkt, als sei es mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Gegner. Besonders bitter ist die fehlende Entwicklung. Seit mehreren WM-Turnieren werden dieselben Probleme "analysiert", und am Ende passiert nichts. Seit Jahren wackelt die Defensive, das attraktive Offensivspiel aus dem Weltmeisterjahr 2014 ist (allenfalls) in Ansätzen zu erkennen. Vermeintliche Underdogs hebeln, trotz der eigentlich deutlich weniger ausgeprägten individuellen Qualitäten, das berechenbare Offensivspiel der DFB-Auswahl mit überschaubaren Mitteln aus. Und wenn es mal nicht so läuft wie erwünscht – wie auch bei dieser WM – fehlen Führungsspieler, die vorangehen und alles daransetzen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Die Konsequenz: die Spieler brechen beim ersten Gegenwind mental ein. Mit einer Spitzenmannschaft hat das nichts zu tun.
"Eine der schwächsten Nationalmannschaften"
Auch bei den beiden Niederlagen in dieser WM geht es längst nicht mehr um die gewählten Taktiken oder Aufstellungen. Es fehlt der Mannschaft schlicht und ergreifend an Charakter und Teamgeist, um auch den Widerständen zum Trotz die nötige Sieger-Mentalität an den Tag zu legen. Das wacklige Konstrukt funktioniert solange, bis sich die ersten Widerstände anbahnen. Dann kommt der abrupte Kollaps, den man zwar immer wieder versucht loszuwerden, der sich aber wie ein roter Faden durch alle Spieler zieht. Die Wahrheit ist unangenehm, aber notwendig: Deutschland gehört aktuell nicht mehr zur Weltspitze. Das mag weh tun, widerspricht dem Selbstbild und kratzt sicherlich am Stolz einer Nation, die sich über Jahrzehnte über ihren Fußball definiert hat. Möchte man aber wieder zurück zu alter Stärke, sollte dieses längst überfällige Eingeständnis nun auch bei allen Verantwortlichen, Funktionären und Spielern ankommen. Je schneller, umso besser.
Der anfangs zitierte Kult-Spruch Gary Linekers ist zugegebenermaßen schon lange nicht mehr zeitgemäß. Dennoch muss Fußball-Deutschland auch den jüngsten, negativ konnotierten Aussagen des Engländers wohl oder übel Recht geben. Nicht nur er, sondern auch die deutschen Fußballfans haben bei dieser WM wohl "eine der schwächsten Nationalmannschaften" der Geschichte erlebt. Am sportlichen Tiefpunkt angekommen, helfen nun auch Rechtfertigungen nichts mehr. Die Nation braucht schleunigst einen (echten) Neuanfang. Denn um auf das anfängliche Zitat Linekers zurückzukommen: Fußball ist eben doch einfach. Am Ende gewinnen die, die besser vorbereitet sind, klarer denken und mehr wollen. Die bittere Realität: Deutschland gehört momentan nicht zu diesen Nationen.
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