UltrAslan-Chef Şirin und der Öcalan-Slogan: Was steckt dahinter? – Kommentar

Kein normaler Tag der Dienstag! Muzaffer alias Sebahattin Şirin wird  dem Haftrichter vorgeführt, dabei skandiert der UltrAslan-Chef mit "Freiheit für Herr Öcalan" und zeigt demonstrativ das Peace/Victory-Zeichen. Was steckt dahinter? Ein Kommentar von LIGABlatt-Chefredakteur Fatih Şenel. 

Şirins öffentliche Attacke gegen den türkischen Justizminister Akın Gürlek hat eine Lawine losgetreten. Doch damit stellt sich eine zentrale Frage: Warum interessiert sich ein Ultra-Anführer derart vehement für den Mord am türkischen Journalisten Uğur Mumcu, und wie überzeugt muss jemand sein, um auf X mit derart weitreichenden Verschwörungsthesen gegen einen Justizminister zu schießen? Dieser Stil ist in der Türkei nicht ungefährlich. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Netzwerke reichen oft weit, bis hinein nach Ankara. Umso genauer lohnt der Blick auf die aktuellen Entwicklungen rund um Şirin. Denn inzwischen geht es längst nicht mehr nur um Fußball und die Galatasaray-Ultras. Im Raum stehen Fragen zu größeren Bargeldsummen, möglichen finanziellen Verbindungen und seinem Einfluss innerhalb der Galatasaray-Community. Hinzu kommen Bilder über Schusswaffen in seinem Haus. Solange keine rechtskräftige Verurteilung vorliegt, sind daraus selbstverständlich keine strafrechtlichen Schlüsse zu ziehen. Dennoch ergeben die einzelnen Aspekte ein Gesamtbild, das Fragen aufwirft und nach Antworten verlangt.

Auffällig ist zudem die Unterstützung, die Şirin aus Teilen der Fanszene erfährt. Anhänger skandieren in Istanbul Parolen zu seiner Unterstützung und machen damit deutlich, dass seine Bedeutung innerhalb der Szene über die eines gewöhnlichen Ultra-Gruppenchefs hinausgehen könnte.

Besonders interessant ist deshalb die Frage, warum ausgerechnet jetzt die Parole "Freiheit für Herrn Öcalan" aufkommt. Weil die Regierung mit der PKK eine neue Sphäre betritt? Man kann darin politische Ironie sehen – oder möglicherweise auch einen noch zu entschlüsselnden Hilferuf. Sicher ist vorerst nur: Die Botschaft hat eine politische Dimension und dürfte die Debatte weiter anheizen. Auch die finanziellen Verbindungen zwischen Şirin und seinem Sohn verdienen eine genaue Betrachtung. Sollten die genannten Summen zutreffen, stellt sich zwangsläufig die Frage nach ihrer Herkunft und Verwendung. Für einen Mann, der sich öffentlich vor allem über seine Stellung in der Fanszene definiert, sind die finanziellen Dimensionen jedenfalls erklärungsbedürftig. Was zunächst wie ein Konflikt zwischen einem Ultra-Anführer und dem Justizministerium wirkt, könnte damit eine deutlich größere politische Dimension bekommen. Die Geschichte ist längst mehr als eine Episode aus der türkischen Fußballszene und sie dürfte noch einige Fragen aufwerfen. Wenn man schon dabei ist ihn zu vernehmen, dann bitte auch den Mord an Oktay Akdemir von 1991 ins Fragenkatalog aufnehmen. Wir wissen ja, dass Minister Gürlek brisante Cold Cases aufrollt und gerade dafür viel Macht inne hat.