Die ersten vier Länderspiele in der UEFA Nations League unter dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp waren sehr aufschlussreich: Nicht nur lässt sich immer weiter erahnen, welchen Spielstil der neue DFB-Coach anstrebt, sondern auch, welche Spieler hierfür besonders infrage kommen könnten. Immerhin gab Klopp gleich 15 Debütanten die Chance, sich zu zeigen. Wer aber sind nun die großen Gewinner und wer die Verlierer der ersten Länderspielpause unter Jürgen Klopp? In diesem Artikel widmen wir und zunächst den Gewinnern. Eine Analyse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank.
Mit seinem 44 Spieler umfassenden XXL-Kader, der sich letztlich in gleich zwei Teams aufteilte, hat Jürgen Klopp die ersten vier Länderspiele seiner Amtszeit vor allem dafür genutzt, verschiedene Dinge auszuprobieren und möglichst vielen Spielern eine Chance zu geben, sich auch für kommende Länderspiele zu empfehlen. Dabei konnte nicht nur der Bundestrainer viel lernen, auch das LIGABlatt hat fünf Erkenntnisse aus den ersten Klopp-Spielen der deutschen Nationalmannschaft gezogen. Diese Erkenntnisse sind aber eher übergeordneter Natur, nicht weniger spannend wird es, wenn man sich bestimmte Spieler genauer anschaut. In diesem Artikel geht es um die acht großen Gewinner der ersten Länderspiele unter Jürgen Klopp.
Gewinner #1: Philipp Treu
Über Jahre hinweg gab es die große Diskussion, wer denn für Deutschland den Rechtsverteidiger geben könnte, wobei man zuletzt bei der WM auf Joshua Kimmich setzte. Bei der EM hatte das noch gut funktioniert, in Amerika dann aber nicht mehr. Eine Alternative hätte man nicht, da es in Deutschland ja keinen gute Rechtsverteidiger gäbe, hieß es damals. Nun, das war ein Irrtum, denn Philipp Treu kam in gleich drei Spielen zum Einsatz und konnte jedes Mal überzeugen. Die einzige Partie, in der der Freiburger nicht spielte, war ausgerechnet das mit Abstand schlechteste, bei dem man mit 0:1 gegen Griechenland verlor. Das Tor wurde dabei ausgerechnet über die rechte Seite der Deutschen eingeleitet. Zwar merkt man, dass der 25-Jährige in der einen oder anderen Situation noch etwas der Mut fehlt, gerade im Abschluss, doch durch seine fleißige Laufarbeit, seinen stabilen Einsatz gegen den Ball und seine Passsicherheit dürfte Philipp Treu auch in den kommenden Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft gesetzt sein. Als Debütant direkt zum unumstrittenen Stammspieler aufzusteigen, ist schon ein starkes Stück!
Gewinner #2: Derry Scherhant
Wenn wir schon in Freiburg sind, können doch wir gleich über den nächsten Breisgauer Debütanten sprechen. Ähnlich wie es immer hieß, dass Deutschland keine guten Rechtsverteidiger hätte, wurde zwischenzeitlich auch die Meinung vertreten, dass der DFB auch über keine adäquaten klassischen Flügelstürmer verfüge, weshalb unter Julian Nagelsmann vornehmlich Florian Wirtz über den linken Flügel kam. Nun, Derry Scherhant hat eindeutig bewiesen, dass auch dies eine Fehleinschätzung war, denn mit seinen Dribblings, seinen Abschlüssen und seiner Spielfreude am Ball konnte der 23-Jährige eindrucksvoll zeigen, wie es eben auch gehen kann. Während Kevin Schade in den ersten beiden Länderspielen gegen die Niederlande und Griechenland auf links noch etwas verloren wirkte, war Derry Scherhant gegen Serbien und im Rückspiel gegen die Griechen in der Offensive jeweils der auffälligste Akteur, der seine Gegenspieler ordentlich ins Schwitzen brachte und so vor allem dem deutschen Mittelfeld mehr Raum zur Entfaltung bot. Für den intensiven, durchaus auch flügellastigen Spielstil, den Jürgen Klopp vor allem auch in Liverpool spielen ließ, ist der gebürtige Berliner mit seinen Anlagen und seiner Unbekümmertheit geradezu perfekt. Auch dieser Freiburger wird sehr wahrscheinlich im November wieder dabei sein.
Gewinner #3: Florian Wirtz
Die Maßnahme, den ehemaligen Leverkusener vom linken Flügel, auf die linke offensivere Achterposition ins Zentrum zu rücken, ist sowas von aufgegangen. Gegen Serbien konnte der 23-Jährige einmal mehr zeigen, über welch Weltklasse er eigentlich verfügt, wenn er denn richtig eingesetzt wird. Im Rückspiel gegen Griechenland hatte Wirtz zwar weniger Räume, dennoch konnte er seine tolle Technik und seine Übersicht immer wieder ausspielen, weshalb Deutschland zu einigen sehr vielversprechenden Chancen kam. Es sollte eigentlich klar sein, dass der Liverpooler im Mittelfeldzentrum als freies Radikal unter Klopp auch für die Zukunft gesetzt sein muss!
Gewinner #4: Malick Thiaw
Während in der ersten der beiden Mannschaften des 44-Mann starken XXL-Kaders noch mehr arrivierte Profis dabei waren, die auch schon bei der WM als Stammkräfte agierten, so auch das Innenverteidiger-Duo Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah, kamen in der zweiten Mannschaft mehr Kicker aus der zweiten Reihe zum Einsatz, weshalb sich hier die Frage stellte, wer Verantwortung übernehmen würde. Malick Thiaw hat sich gemeldet und über 180 Minuten herausragend gemacht. Kaum eine Torchance hat man in beiden Spielen gegen Serbien und Griechenland zugelassen und kein Tor hat man kassiert, was vor allem der neuen Innenverteidigung bestehend aus Waldemar Anton und Malick Thiaw zu verdanken war. Während auch der Dortmunder einen richtig guten Eindruck hinterließ, wirkte der Newcastle-Kapitän noch eine Spur schärfer und sicherer. Nicht nur in der Arbeit gegen den Ball war der 25-Jährige äußerst stabil, auch seine Stärke im Spielaufbau zeigte sich, womit er nun auf jeden Fall Ansprüche für die Zukunft angemeldet haben dürfte – zumal Malick Thiaw mit seinen 25 Lenzen noch deutlich jünger ist als ein 30-jähriger Jonathan Tah.
Gewinner #5: Yann Aurel Bisseck
Beim 0:1 der deutschen Mannschaft aus dem Hinspiel gegen Griechenland gab es tatsächlich nur einen Spieler, der einen nachhaltig guten Eindruck hinterließ und das war der lange Zeit im DFB übersehene Innenverteidiger von Inter Mailand. Defensiv wirkte Bisseck unfassbar sicher, gewann viele Zweikämpfe und zeigte ein sehr gutes Stellungsspiel. Darüber hinaus konnte der 25-Jährige auch seine für einen 1,96 Meter großen Abwehrhünen geradezu absurd gute Technik am Ball präsentieren, mit dem er auch mal ein paar Wege nach vorne Unternahm. Es sollte spätestens jetzt allen klar sein, dass dort in der Serie A ein richtig guter Abwehrspieler rumläuft, der auch in Zukunft zum festen Kreis der deutschen Nationalmannschaft gehören sollte.
Gewinner #6: Jonas Urbig
Beim FC Bayern München aktuell hinter Manuel Neuer zwar nur die Nummer zwei, sollte aber spätestens jetzt allen klar sein, dass der 23-Jährige spätestens im nächsten Jahr beim deutschen Rekordmeister absolute Stammkraft sein wird. Und auch in der deutschen Nationalmannschaft wird es auf lange Sicht sehr wahrscheinlich auf ihn hinaus laufen. Zwar bekam Jonas Urbig in beiden Spielen, in denen er eingesetzt wurde, nicht viel zu tun, dennoch strahlte der Keeper eine enorme Sicherheit aus, war gut mit dem Ball am Fuß und klar in der Strafraumbeherrschung. Bei der Großchancen der Griechen in der 2. Spielminute war Jonas Urbig dann aber auch sofort zur Stelle und sicherte der deutschen Mannschaft hinten die Null. Allein schon der Umstand, dass Jürgen Klopp Jonas Urbig als einzigen Keeper in gleich zwei Spielen einsetzte und damit Finn Dahmen und Noah Atubolu überging, dürfte schon ein klarer Fingerzeig für die Zukunft sein.
Gewinner #7: Aleksandar Pavlović
Zählt man die beiden letzten Länderspiele gegen Serbien und Griechenland zusammen, war der Münchner wohl der Deutsche, der insgesamt den stärksten Eindruck machte. Als alleiniger, tief stehender Sechser, der als Ballmagnet agierte und viele sichere Pässe spielte, war der 22-Jährige in beiden Partien das Herz des deutschen Spiels, über den fast alles ging. Dabei erfüllte Aleksandar Pavlović sowohl offensiv als auch defensiv seine Aufgabe hervorragend, indem er mit seinen Schüssen aus der zweiten Reihe für Gefahr sorgte und das 1:0 gegen Serbien selbst einleitete, gegen den Ball gleichzeitig sehr scharf wirkte und viele Zweikämpfe gewann. Neben Florian Wirtz muss Aleksandar Pavlović auch in Zukunft im deutschen Mittelfeld gesetzt sein!
Gewinner #8: Tom Bischof
Wo wir eben schon von Aleksandar Pavlović sprachen, müssen wir uns nun natürlich auch seinem Nebenmann Tom Bischof widmen, der in seinen beiden Einsätzen gegen Serbien und Griechenland ebenfalls zu überzeugen wusste. Gegen Serbien konnte der 21-Jährige vor allem seine Torgefahr präsentieren, indem er aus der zweiten Reihe immer wieder abzog und so den gegnerischen Torhüter stresste. In der 39. Spielminute stand er dann nach einem Pfostentreffer von Florian Wirtz goldrichtig und erzielte sein erstes Länderspieltor. Gegen Griechenland war er zwar ein wenig der Pechvogel, da sein unabsichtliches Handspiel vorm vermeintlichen 1:0 der deutschen Mannschaft dafür sorgte, dass der Treffer wieder einkassiert wurde, dafür zeigte der Münchner, dass er auch im Gegenpressing über eine Galligkeit verfügt, wie Jürgen Klopp sie liebt. Vor allem mit seiner Rolle als Achter, der situativ entweder den defensiveren Aleksandar Pavlović, oder den offensiveren Florian Wirtz unterstützt, dabei aber nicht zu sehr das Spiel an sich reißt, fügte sich Tom Bischof hervorragend in dieses Trio ein und macht damit klar, dass Felix Nmecha und Joshua Kimmich nicht unantastbar sind.
Gewinner #9: Karim Adeyemi
Bei dieser Einschätzung werden sicherlich viele von euch nicht zustimmen, hatte doch der Barca-Neuzugang sowohl gegen die Niederlande als auch gegen Griechenland Großchancen vergeben. Das stimmt zwar, was seine Leistung insgesamt auch schmälert, aber allein schon der Umstand, dass der 24-Jährige immer wieder in diese guten Abschlusssituationen kam, dass er seinen Bewachern wiederholt entkam und mit seinem Tempo gerade im Umschalten eine enorme Waffe ist, zeigt, wie viel mit ihm theoretisch möglich sein kann. Beim FC Barcelona zeigt Karim Adeyemi aktuell, dass er eigentlich schon weiß, wo das Tor steht. Wenn er jetzt noch an seinem Abschluss arbeitet, wird der ehemalige Dortmunder bei Jürgen Klopp, der bekanntermaßen mit klassischen Flügelstürmern spielen will, immer eine ernste Option sein.
Gewinner #10: Alle nicht-nominierten Stürmer
Auch wenn gerade die Spiele drei und vier durchaus vielversprechend anmuteten und Lust auf mehr machten, muss man ganz klar festhalten, dass Deutschland vor allem im Abschluss ein enormes Problem hat. Weder Debütant Younes Ebnoutalib, der gegen die Niederlande allerdings einige gute Momente hatte, noch Jonathan Burkardt, noch Nick Woltemade konnten in der gegnerischen Box für den entscheidenden Punch sorgen. Kai Havertz musste im ersten Spiel nach einer halben Stunde ausgewechselt werden, weshalb er sich ebenfalls nicht wirklich präsentieren konnte. Dadurch, dass die Mittelstürmer ihre Aufgabe zumindest als Torjäger nicht gut erfüllten, sollte Jürgen Kopp bei der nächsten Länderspielpause auch anderen Angreifern die Chance geben. Deniz Undav ist aktuell im Verein zwar nicht gut in Form, in den letzten Jahren und auch bei der WM hat der 30-Jährige aber gezeigt, dass er Tore schießen kann. Auch in der U21 gibt es mit Nicolò Tresoldi und Paris Brunner zwei junge, hungrige Stürmer, die aktuell richtig gut drauf sind. Tresoldi hat sich aktuell wohl noch nicht entschieden, ob er für Deutschland oder Italien spielen will. Jürgen Klopp MUSS nun echt an dem Jungen baggern, um ihn vom deutschen Projekt zu überzeugen. Die enttäuschenden Auftritte der deutschen Stürmer sollten den 22-Jährigen eigentlich zeigen, dass er aktuell die Riesenchance hat, vielleicht sogar Stammspieler zu werden und bei der EM 2028 gesetzt zu sein. Von Deniz Undav, Paris Brunner und Nicolò Tresoldi abgesehen gibt es mit Dženan Pejčinović, Tim Lemperle und Phillip Tietz noch drei weitere Mittelstürmer, die bislang noch nie für die deutsche A-Nationalmannschaft aufgelaufen sind, aber in diesem Jahr ebenfalls gut drauf waren. Sie alle dürfen sich nun berechtigte Hoffnungen auf einen Anruf des Bundestrainers im November machen und sollten weiter motiviert bleiben.
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