Vor dem ersten WM-Halbfinale in Katar scheint die Rollenverteilung doch ziemlich geklÀrt zu sein: Argentinien geht als Favorit ins Spiel und Kroatien als Underdog. Doch sind die Kroaten wirklich so chancenlos? Haben sie gar keine Chance gegen Messi, Di María und Co? Doch! Und wir verraten euch wie! Eine Analyse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank.

Die Vorzeichen vor dem Halbfinale erscheinen doch recht unterschiedlich: WĂ€hrend die Argentinier viel herumprobiert und eine Achterbahn der Emotionen hinter sich haben, kommen gehen die Kroaten mit einem eingespielten System und einem klaren SelbstverstĂ€ndnis dafĂŒr ins Spiel, wer sie sind und was sie können.

Auf dem Papier ist Argentinien klar ĂŒberlegen

Die Kroaten spielen das ganze Turnier praktisch schon in einem 4-1-2-3-System, mit welchem sie bislang jeden Gegner den Zahn haben ziehen können. Die Argentinier sind hier variabler und passen ihr System meist dem Gegner an. Davon ausgehend, dass die Kroaten ihr Spielsystem beibehalten werden, ist anzunehmen, dass die Argentinier dieses spiegeln werden, zumal sie ebenfalls mit einem dynamischen 4-1-2-3 Erfolge gegen Mexiko und Polen haben einfahren können.

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Mögliche Aufstellungen von Kroatien und Argentinien:
Kroatien: 1-Livaković / 19-Sosa / 20-Gvardiol / 6-Lovren / 22-Juranović / 11-Brozović / 8-Kovačić / 10-Modrić (K) / 4-Periơić / 16-Petković / 15-Paơalić
Argentinien: 23-E. Martínez / 3-Tagliafico / 25-Li. Martínez / 19-Otamendi / 26-Molina / 18-Rodríguez / 20-Mac Allister / 7-de Paul / 9-Álvarez /10-Messi (K) / 22-La. Martínez

WĂ€hrend die beiden Formationen einander auf dem Papier zunĂ€chst gleichen, ist davon auszugehen, dass sich diese nach dem Anpfiff recht schnell verschieben werden, um RĂ€ume zu finden und sich Chancen zu erarbeiten. Interessant sind hierbei die beiden defensiven Mittelfeldspieler Brozović (11) und RodrĂ­guez (18). WĂ€hrend RodrĂ­guez sich wahrscheinlich zwischen die Innenverteidiger fallen lassen wird, um den beiden Außenverteidigern Molina (26) und Tagliafico (3) die Möglichkeit zu geben, vorzurĂŒcken, dĂŒrfte Brozovićs Arbeitsauftrag anders aussehen: Er muss Messi (10) decken!

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Realtaktische Formationsverschiebung: Argentiniens Spiel wandelt sich in ein 3-4-3 mit abkippendem Achter (20-Mac Allister), wĂ€hrend die Kroaten eher in einem asymmetrischen 4-4-2 spielen, in welchem Brozović (11) Messi (10) in Manndeckung nimmt, wĂ€hrend Sosa (19) links vorschiebt, um PeriĆĄić (4) nach Innen rĂŒcken zu lassen.

VariabilitÀt entscheidet das Spiel

Die Argentinier wollen das Spiel machen. Um in der Offensive mehr Möglichkeiten zu haben, RĂŒcken Álvarez (9) und MartĂ­nez (22) ein, wĂ€hrend Messi sich ein StĂŒck fallen lĂ€sst, um die entscheidenden PĂ€sse zu spielen oder am Strafraumrand ins Dribbling zu gehen oder direkt abzuschließen. Argentinien ist förmlich dazu verdonnert, sich mehr auf die eigene Offensive zu konzentrieren, darauf wo ihre StĂ€rken liegen. Messi, MartĂ­nez und Álvarez sind fĂŒr kaum einen Gegner dauerhaft zu halten. Um diese besser unterstĂŒtzen zu können, rĂŒcken die beiden Außenverteidiger vor und versuchen, diese mit Flanken oder flachen PĂ€ssen in die Spitze zu fĂŒttern. Die Kroaten wiederum sind in ihrer QualitĂ€t ausgeglichener. WĂ€hrend ihr HerzstĂŒck natĂŒrlich im Mittelfeld um Real-Star Modrić liegt, nehmen sich Offensive und Defensive nicht viel. Beide Segmente sind zwar nicht auf Weltklasseniveau, doch aber gut genug, um auf hohem Niveau bestehen zu können. Gerade die Abwehr mit Leipzig-Juwel Gvardiol (20) hat in diesem Turnier die eigenen QualitĂ€ten bewiesen. In der regulĂ€ren Spielzeit haben die Kroaten bislang nur ein Gegentor kassiert, die Argentinier derer fĂŒnf.

Um den Argentiniern keine Überzahl im Angriff zu gewĂ€hren, muss Juranović (22) die eigene Defensive unterstĂŒtzen, wĂ€hrend Brozović an Messi kleben bleibt, um diesen daran zu hindern, RĂ€ume zu finden. Gleichzeitig mĂŒssen Kovačić (8) und Modrić (10) zusehen, die gegnerischen Achter (20-Mac Allister und 7-de Paul) am geordneten Spielaufbau zu hindern und ihnen die BĂ€lle abluchsen.

Kroatien darf sich nicht nur aufs Verteidigen konzentrieren

Es wÀre aber ein Fehler der Kroaten, nur zu reagieren. Stattdessen sollten sie dessen bewusst sein, dass die defensive Abstimmung der Argentinier in diesem Turnier mehrmals seine SchwÀchen offenbart hat. Dementsprechend gilt es, eigene Nadelstiche zu setzen.

Hier kommt der einzige personelle Wechsel im Vergleich zum Brasilien-Spiel zur Geltung; WĂ€hrend gegen Brasilien noch Hoffenheims Kramarić wirbeln durfte, wĂŒrde sich hier der kopfballstĂ€rkere Petković (16) anbieten. Gerade wenn Sosa (19) mit nach vorne rĂŒckt, um Flanken hereinzuschlagen, brauchen die Kroaten einen geeigneten Abnehmer, der Kramarić einfach nicht ist. Da PaĆĄalić lĂ€uferisch stĂ€rker ist und somit besser die LĂŒcken zur eigenen Abwehr schließen kann, ist es auch nicht sinnvoll, Kramarić zu Beginn auf dem rechten FlĂŒgel spielen zu lassen.

WĂ€hrend Petković also Sosas Flanken verwerten soll, wo bleibt da eigentlich Kroatiens Superstar Modrić? Dieser kann nun seine StĂ€rken zur Geltung bringen, indem er den Raum hinter de Paul (7) nutzt. Modrić grĂ¶ĂŸte QualitĂ€ten sind seine dynamischen OffensivlĂ€ufen, in denen er bis zum Strafraum vorrĂŒckt und so RĂ€ume fĂŒr seine Mitspieler schafft. Modrić kann dabei gleichermaßen mit gefĂ€hrlichen KurzpĂ€ssen fĂŒr Gefahr sorgen, mit denen er PeriĆĄić einsetzen will, als auch mit seinem Bruder gefĂŒrchteten Außenrist. HinterlĂ€uft PaĆĄalić (15) und dringt in den Strafraum ein, können die Kroaten so schnell fĂŒr eine eigene Überzahl in der Offensive sorgen und die argentinische Abwehr ĂŒberrumpeln.

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WĂ€hrend Brozović an Messi dranbleibt, mĂŒssen Modrić und Kovačić das Zentrum dicht machen, um die Argentinier am Spielaufbau zu hindern. Beim Umschalten, geht Sosa links mit nach vorne, wĂ€hrend Modrić die Offensive in der Mitte verstĂ€rkt. PeriĆĄić lĂ€uft ein, wĂ€hrend PaĆĄalić auf rechts die Verbindung zwischen argentinischer Außen- und Innenverteidigung beschĂ€ftigt hĂ€lt.

Das argentinische Spiel zeigt in seiner Offensive Prallelen zu dem der Brasilianer auf und die Kroaten haben gegen letztere gezeigt, dass sie die Offensiv-Stars im Schach halten können. Gelingt es ihnen in der ersten Halbzeit kein Gegentor zu kassieren, werden die Argentinier zunehmend hektischer werden und Fehler im Spielaufbau begehen. Hier gilt es dann fĂŒr Modrić & Co zuzuschlagen! Sollten die Kroaten sogar durch eine gute Flanke oder einen Standard in FĂŒhrung gehen, können sie sich auf ihre Defensive konzentrieren und auf Konter setzen. Die Argentinier werden es dann sehr schwer haben, zurĂŒckzukommen.

Foto: NELSON ALMEIDA,ALFREDO ESTRELLA/AFP via Getty Images