Am Samstagabend gewann die deutsche Nationalmannschaft hochverdient ihr erstes Testspiel des Jahres gegen Vizeweltmeister Frankreich und sorgte unter den leidgeplagten deutschen Fans für Ungläubigkeit und neue Euphorie. Doch was genau hat Bundestrainer Julian Nagelsmann gemacht und was für Erkenntnisse lassen sich aus diesem Spiel ziehen? Eine Einordnung von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank. 

Mit dem überzeugenden 2:0 über Frankreich hat die deutsche Nationalmannschaft am vergangenen Abend bewiesen, dass sie es doch besser kann und hat mit Biss, Leidenschaft und spielerischer Finesse einen der großen Favoriten auf den EM-Titel völlig verdient geschlagen. Der Auftritt der DFB-Elf lässt dabei einige Schlussfolgerungen zu. Im Folgenden listen wir für euch sechs wichtige Erkenntnisse auf, die wir nach dem Frankreichspiel ziehen konnten.

Kroos-Rückkehr ein voller Erfolg 

Die angekündigte Rückkehr von Toni Kroos wurde nicht von jedem mit Begeisterung aufgenommen. Gerade da das deutsche Mittelfeld scheinbar ein Überangebot an guten Spielern hat, wozu braucht es dann „Querpass-Toni“? Nun, Kroos hat an diesem Abend mehr als eindrucksvoll bewiesen, dass „Querpass-Toni“ nichts weiter als ein populistischer Mythos ist. Der tatsächliche Toni Kroos zeigte sich als Taktgeber, Ruhepuls wie auch Initiator im deutschen Spiel.

Mit Mit 146 Ballkontakten und dabei einer Passgenauigkeit von 95(!) Prozent lief fast alles über ihn. Dabei blieb der Real-Madrid-Spieler nicht nur auf seiner nominellen Position, sondern wanderte über den ganzen Platz und war stets anspielbar, ohne sich dabei vom Anlaufverhalten der Franzosen aus der Ruhe bringen zu lassen. hinzu kam noch diese gewisse Frechheit im Spiel, mit der Kroos das 1:0 durch Florian Wirtz nach gerade einmal acht Sekunden vorbereitete, indem er den Ball abschirmte und seine Mitspieler ihre Läufe machen ließ, um dann aus der Drehung heraus den perfekten Pass zu spielen.

Darüber hinaus bewies der deutsche Achter eine bemerkenswerte Zweikampfstärke, dank der gleich mehrere französische Gegenangriffe im Keim erstickt wurden. Diese Fähigkeiten zusammen mit seiner Aura auf dem Platz und seinen Anweisungen haben Auswirkungen auf seine Spieler um ihn herum, die hierdurch in den eigenen Aktionen sicherer werden. Toni Kroos zurückzuholen und als Ankerpunkt im deutschen Mittelfeld für die EM einzuplanen, scheint genau das Element gewesen zu sein, was es zuletzt gebraucht hat, um die Stimmung innerhalb wie auch außerhalb der Mannschaft wieder anzukurbeln.

Kimmich tut die Nebenrolle gut 

Ein Nebeneffekt der Kroos-Rückkehr ist die „neue“ Rolle von Joshua Kimmich. Der Mittelfeldstratege der Bayern wirkte zuletzt überspielt und war häufig Teil öffentlicher Debatten, ob er der Anker des deutschen Spiels sein sollte oder nicht. Dies schien nicht spurlos am 29-Jährigen vorübergegangen zu sein, weshalb er in dieser Saison bei den Bayern bislang nicht so auftrumpfen konnte, wie gewohnt.

Durch die Kroos-Rückkehr wurde Kimmich auf die Rechtsverteidigerposition geschoben und machte seine Sache gegen Kylian Mbappé richtig gut. Zwar mangelt es Kimmich etwas an Tempo, dennoch bewies er eine gewisse Kaltschnäuzigkeit in den Zweikämpfen und konnte durch sein gutes Passspiel auf Rechtsaußen für Entlastung sorgen, wenn die Franzosen zum Gegenpressing ansetzten.

Dass Kimmich nun nicht mehr im Zentrum praktisch jeder Fußballdebatte steht und nicht mehr alleine die Verantwortung für alles und jeden im Team tragen muss, scheint ihm gut zu tun und er kann sich nun erstmal wieder lediglich aufs Fußballspiel konzentrieren. Kommt durch gute Leistungen Kimmichs Selbstvertrauen wieder zurück, kann er vielleicht bald auch wieder der Weltklassespieler sein, der er über Jahre hinweg eigentlich war.

Wirtz und Musiala müssen beide spielen 

Eine Sorge, die der eine oder andere Fußballexperte vorab hatte, war, dass Florian Wirtz und Jamal Musiala vielleicht nicht so harmonieren würden wie erhofft. Gegen Frankreich bewiesen die beiden Youngster, dass diese Sorge unbegründet zu sein scheint. Beide ergänzten sich gut und kamen sich nicht in die Quere – im Gegenteil:

Während Jamal Musiala vor allem durch geschickte Dribblings und Tiefenläufe seine Gegenspieler beschäftigte, ließ sich Florian Wirtz mehr fallen und übernahm die Rolle des „klassischen“ Spielmachers, indem er mit klugen Pässen wie vor dem 2:0 auf eben Musiala seine Mitspieler einsetzte. Hierdurch konnten beide Ballkünstler ihre Stärken ausspielen und ergänzten sich gegenseitig sogar noch.

Kai Havertz als Schattenstürmer 

Eine langanhaltende Debatte rund um die deutsche Nationalmannschaft ist die um den Mittelstürmer. Mit Niclas Füllkrug hat man zwar einen „klassischen Neuner“, dennoch wird diesem die internationale Klasse zuweilen abgesprochen. Neunationalspieler Deniz Undav verfügt zwar über tolle Knipser-Qualitäten, ist aber aufgrund seiner Körpergröße von gerade einmal 1,79 Metern kein typischer Stoßstürmer, sondern einer der eher im Zusammenspiel mit einem Sturmpartner seine Stärken ausspielen kann.

Julian Nagelsmann hat nun erneut auf Kai Havertz gesetzt, der zwar ebenfalls nicht als „klassische Neun“ gilt, aufgrund seiner Größe aber auch bei hohen Bällen für Gefahr sorgen kann. Seine größte Stärke jedoch, die Havertz zuletzt auch beim FC Arsenal zeigte, ist das Schwimmen zwischen den Linien. So lässt sich der 24-Jährige gerne fallen, um ins Passspiel der eigenen Mannschaft eingebunden zu werden und macht nonlineare Läufe, wodurch es für Gegenspieler schwierig wird, an ihm dran zu bleiben. In den richtigen Situationen, wie vorm 2:0 läuft er sich durch einen kurzen Sprint frei und kann einnetzen.

Damit diese Art des Stürmers aber funktionieren kann, bedarf es der richtigen Mitspieler um sich herum, die selbst durch eine gute Technik oder ein Kluges Passspiel selbst die Bälle festmachen können. Mit Wirtz und Musiala hatte Havertz gegen Frankreich hierfür die richtigen Kollegen an der Seite, um seine eigenen Stärken auszuspielen. Gegen einen tiefstehenden Gegner mag der Einsatz eines typischen Mittelstürmers der Marke Füllkrug jedoch die bessere Wahl sein.

İlkay Gündoğans Stammplatz ist ein Problem 

Der einzige deutsche Spieler, der gegen Frankreich eine eher durchwachsene Leistung zeigte, war Kapitän İlkay Gündoğan. Der 33-Jährige hat nach wie vor das Problem, dass die deutsche Nationalmannschaft kein System findet, in der er seine Stärken so richtig zur Geltung bringen kann. Lieber als freier offensiver Achter wurde der deutsche Kapitän gegen Frankreich auf der Zehn aufgeboten und wirkte dort zuweilen etwas verloren.

Durch die Rückkehr von Toni Kroos und die guten Leistungen von Jamal Musiala sowie Florian Wirtz gibt es im deutschen Spiel leider nicht die Position, die ein Gündoğan eigentlich bräuchte. Dass er der Kapitän der DFB-Auswahl ist und damit einen Stammplatz sicher hat, könnte hierdurch zu einem Problem werden, da er nicht ideal ins deutsche Spiel passt. Es wird spannend zu sehen sein, wie Julian Nagelsmann mit dieser Personalie bei der EM umgehen wird.

Die Doppelsechs Kroos-Andrich funktioniert 

Die vergangenen Jahre hatte es im deutschen Mittelfeld an einer geeigneten Doppelsechs-Kombination gefehlt, die einander gut ergänzt. Toni Kroos und Robert Andrich haben gegen Frankreich nun bewiesen, dass sie ebendieses Duo sein könnten. Während Kroos den eröffnenden Part im Spiel übernahm, ließ sich Andrich etwas weiter fallen und fungierte zwischen Mittelfeld und Abwehr als Staubsauger, der verhindert, dass sich dem Gegner Räume bieten.

Der kommunikative Andrich, der gut hörbar mit seinen Mitspielern auf dem Platz sprach, hatte einen wesentlichen Anteil an der guten Ordnung der deutschen Defensive und bewies auch am Ball die nötige Ruhe, um neben Kroos, Kimmich und Gündoğan ins Kurzpassspiel eingebunden zu werden. Das Comeback von Toni Kroos dürfte in weiten Teilen auch wegen der sehr sauberen Arbeit von Nebenmann Robert Andrich so gut gelungen sein. Für die Europameisterschaft scheint die Doppelsechs Kroos-Andrich nun eine ernsthafte Option zu sein.

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images