Doppelspieltag in der EuroLeague: Gänzlich unterschiedliche Vorzeichen für Fenerbahçe und Anadolu Efes

Während Fenerbahçe als amtierender Champion derzeit die Tabelle der regulären Saison in der EuroLeague anführt, befindet sich der Istanbuler Stadtrivale Anadolu Efes in einer völlig anderen Ausgangsposition und muss die Play-Ins schon jetzt abschreiben. So gehen die beiden türkischen Klubs den Doppelspieltag in dieser Woche mit gänzlich unterschiedlichen Zielen an.

Als Fenerbahçe und Anadolu Efes am vergangenen Donnerstag in der EuroLeague im Derby aufeinandertrafen, wurden die aktuellen Kräfteverhältnisse der beiden renommierten Klubs vom Bosporus mehr als deutlich: Die "Kanarienvögel" ließen den Gästen von der europäischen Seite Istanbuls bereits im ersten Viertel, das mit 25:8 endete, keine Chance und gewannen die Partie letztlich souverän mit 79:62, ohne dabei ans eigene Leistungslimit gehen zu müssen. Die ersichtlichen Qualitätsunterschiede lassen sich ohne Weiteres auf die gesamte bisherige Saison im besten europäischen Klubwettbewerb übertragen, wo Titelverteidiger Fenerbahçe mit 17 Siegen aus 24 Partien die enge Tabelle anführt und Anadolu Efes mit sechs Erfolgen aus 25 Begegnungen gemeinsam mit ASVEL Lyon-Villeurbanne am falschen Ende der Rangliste steht.

Verletzungspech trifft auf offensive Planlosigkeit

Dass Anadolu Efes als eigentlich sehr erfolgreicher Klub, der die EuroLeague 2021 und 2022 gewann, eine solch schwache Spielzeit spielt und darüber hinaus auch in der nationalen Basketbol Süper Ligi bisher weit hinten den eigenen und öffentlichen Erwartungen zurückbleibt, hat vielschichtige Gründe. Als wesentlicher Faktor muss zweifelsohne das enorme Verletzungspech genannt werden, von dem der Tabellenachte der türkischen Liga heimgesucht wird. Besonders schwer wiegt dabei der monatelange Ausfall des elitären Point Guards Shane Larkin – dank türkischer Staatsbürgerschaft auch für den Vize-Europameister im Einsatz. Der Denker und Lenker von Anadolu Efes fällt aufgrund einer Leistenoperation seit Mitte November aus und fehlt seiner Mannschaft an allen Ecken und Enden. Immerhin ist eine Rückkehr des 33-jährigen ehemaligen NBA-Spielers im Laufe des Februars angedacht. Zudem muss der 1976 gegründete Klub verletzungsbedingt immer wieder auf wichtige Stützen wie Jordan Loyd, Vincent Poirier oder Isaia Cordinier verzichten, während sich Center-Koloss Georgios Papagiannis noch von seinem im Oktober erlittenen Kreuzbandriss erholt. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass Anadolu Efes vor allem in der Offensive oft unansehnlichen Basketball spielt und es dem Gegner auf EuroLeague-Niveau mangels Kreativität und Konstanz leicht macht. Daran konnte bis dato auch der Trainerwechsel von Igor Kokoškov zu Pablo Laso nichts ändern – seit neun Spielen wartet man in der EuroLeague auf einen Sieg. So sind die Play-Ins – also ein Platz unter den ersten zehn Teams der Tabelle – für Anadolu Efes schon lange kein Thema mehr. Vielmehr geht es darum, die Saison ordentlich zu Ende zu spielen und damit am besten in dieser Woche gegen Überraschungsteam Valencia Basket am Dienstag oder den attraktiv spielenden litauischen Vertreter Žalgiris Kaunas am Freitag anzufangen.

Fenerbahçe trotzt dem Abgang wichtiger Leistungsträger

In völlig anderen Sphären bewegt sich derweil Fenerbahçe – und das, obwohl mit Nigel Hayes-Davis (Phoenix Suns) und Marko Gudurić (Olimpia Milano) zwei zentrale Stützen der letztjährigen EuroLeague-Siegertruppe den Klub im Sommer verließen. Im System von Erfolgstrainer Šarūnas Jasikevičius spielt individuelle Klasse jedoch ohnehin nur eine Nebenrolle, während höchste Intensität in der Defensive und mannschaftliche Geschlossenheit den Ausschlag geben. Außerdem gelang es dem Management, den als Shooting Guard und Small Forward einsetzbaren Talen Horton-Tucker von einem Wechsel aus der NBA in die EuroLeague zu überzeugen, wo der ehemalige Akteur der Chicago Bulls, Utah Jazz und Los Angeles Lakers dank seiner Athletik zu den spektakulärsten Spielern der Liga gehört. Doch der 25-Jährige lebt nicht nur von seinen physischen Gegebenheiten, sondern bringt auch weitere Bausteine wie einen sicheren Distanzwurf, ein gutes Spielverständnis und – unter Jasikevičius besonders wichtig – die Bereitschaft, in der Verteidigung jederzeit alles zu geben, mit. Insgesamt ist es aber das Kollektiv, das die "Kanarienvögel" so stark und schwierig auszurechnen macht und dafür sorgt, dass man auch in engen Spielen meist die Oberhand behält. Die direkte Qualifikation für die Play-offs, also das Erreichen einer der ersten sechs Plätze unter allen 20 Teams der Abschlusstabelle, ist für Fenerbahçe das klare Ziel. Dafür bedarf es weiterhin konstanten Leistungen, denn die von einer enormen Leistungsdichte geprägte EuroLeague verzeiht keine Schwächephase. Im Rahmen des Doppelspieltages müssen die Gelb-Marineblauen nun zweimal auswärts ran: Am heutigen Dienstagabend gastiert man beim Sechsplatzierten FC Barcelona, bevor man am Donnerstag als Favorit zum im unteren Tabellendrittel beheimateten Paris Basketball reist.

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