Im Mai 2020 schalteten fast 60.000 Zuschauer auf Twitch einen Poker-Stream ein. Damit brach Lex Veldhuis einen Rekord auf der Plattform. Die Online-Sendung des professionellen Pokerspielers wurde an dem Tag zum meistgesehenen Content auf Twitch, was eine wichtige Premiere für das Pokerspiel im Internet darstellt. Denn das traditionelle Spiel hatte damit der ganzen Welt bewiesen, dass es in der Lage war, mit eSport-Streams hinsichtlich der Zuschauerzahlen zu konkurrieren. Damit kam zum ersten Mal die Frage auf: Ist Poker ein eSport?

Die Anfänge des Online-Pokers

Die Integration von Poker in das Internet erfolgte in den 1990er Jahren – eine Zeitspanne, in der auch der eSport langsam zu keimen begann. Der Vorstoß in Richtung Digitalisierung erfolgte durch den Aufbau eines Pokerservers von Internet-Nerds und begeisterten Kartenspielern. Der erste Server funktionierte wie ein Live-Chat, ohne die grafische Darstellung von Tischen und Pokerhänden. Zwar waren die Spielmöglichkeiten und die Interaktion zwischen den Spielern damals nur begrenzt möglich, aber mit dieser Initiative wurde der Grundstein für das Online-Poker gelegt. Die Fortschritte in der Technologie verbesserte in den folgenden Jahren das Pokerangebot im Internet. Es folgten neue Webseiten und Portale mit verbesserter Grafik und schnellerem Datenaustausch. Diese Entwicklung trug seine ersten Früchte 2003. Der Pokerspieler Chris Moneymaker ergatterte sich den ersten Platz in der Weltmeisterschaft, nachdem er sich zuvor online dafür qualifiziert hatte, und löste daraufhin einen weltweiten Pokerboom aus. Heutzutage sind diese Webseiten und Portale neben Gameplay wichtige Quellen für alle Arten von Informationen, die von grundlegenden Begriffen über Pokerregeln und -strategien bis hin zu Berichten über internationale und lokale Turniere reichen.

World Championship of Online Poker

Ein bedeutender Schritt in der zunehmenden Digitalisierung des Pokers war 2002 die Veranstaltung der ersten World Championship of Online Poker (WCOOP) in Anlehnung an die World Series of Poker (WSOP). Im Verlauf der Jahre hat sich das Event zur größten virtuellen Pokerturnierserie der Welt entwickelt: Sowohl die Teilnehmerzahlen als auch die Anzahl der Pokervarianten haben sich vervielfältigt. Wie bei der WSOP in Las Vegas wird heute bei der WCOOP in jeder Variante mindestens ein Turnier ausgetragen.

Poker auf Twitch

Weiterhin zählen die Gründungen von YouTube und Twitch zu wichtigen Ereignissen im Werdegang des Online-Pokers. Nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2005 bot YouTube eine kundenfreundliche Videoplattform, in der Anbieter und Spieler in der Lage waren, Eigenproduktionen über Poker zu erstellen. Die Pokervideos auf dem Portal überzeugen heute mit einer unglaublichen Vielfalt: Interessierte können hier Turnierserien anschauen, das Spielen über Videos lernen oder den Lifestyle der Pokerspieler verfolgen.

Einen wahren Erfolg erlebte jedoch Poker auf Twitch. Das Streaming-Portal wurde 2011 gegründet. Zwar bezweckten das Unternehmen zu Beginn ein offenes Angebot, in der jeder Mensch frei nach Belieben streamen durfte, doch die Videospiel-Kategorie verzeichnete ein überraschend starkes Wachstum. Infolgedessen entwickelte sich Twitch rasch zur Streaming-Plattform für Gaming-Inhalte aller Art inklusive eSport. Auch für kreative Pokerspieler bot Twitch eine Nische. Neben Live-Übertragungen von Spielen produzierten sie Lernstunden, Strategietalks oder Turnierreportagen, die sowohl traditionelle Kartenspieler zu Twitch zogen als auch alte Twitch-User mit Poker vertraut machten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war schließlich der Rekordstream des niederländischen Pokerspielers Lex Veldhuis. Damit hat Poker der Welt bewiesen, dass es mit vielen Top-eSport-Streamings mithalten kann.

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Wechselbeziehung zwischen Online-Poker und eSport

Zudem unterscheiden sich die Spieler beider Branchen optisch kaum noch. Das traditionelle Bild des Pokerspielers mit Sonnenbrille, Jeans und lässigem Oberteil am Spieltisch ist beim Online-Pokern natürlich nicht mehr zu finden. Ob Pokerspieler oder eSportler, beide sitzen in bequemer Kleidung stundenlang vor einem Bildschirm und tragen Kopfhörer, um konzentriert den Spielverlauf zu verfolgen. Weiterhin haben viele Pokerspieler gleichzeitig ein Interesse für Computer- und Videospiele. Lex Veldhuis ist Mitglied von Team Liquid, einer weltbekannten professionellen Gaming-Organisation. Stefan Schillhabel ist Mitbegründer des eSport-Teams No Limit Gaming und Victor Goossens, Pokerspieler auf Teilzeit, startete seine Profikarriere als eSportler für StarCraft: Brood War.

Fazit ist, dass eSport und Online-Poker viele Gemeinsamkeiten haben: Beide Branchen passen sich kontinuierlich dem technischen Fortschritt an, legen Wert und verbessern weiterhin ihre große Turnierveranstaltungen und überzeugen mit erfolgreichen Twitch-Inhalten. Auch die Übergänge zwischen Poker und eSport hinsichtlich ihrer Spieler sind inzwischen fließend. Trotz der zahlreichen gemeinsamen Kernpunkten wird Online-Poker allerdings in der eSport-Community noch nicht als Teil der digitalen Sportwelt betrachtet. Die fließenden Grenzen deuten jedoch für die Zukunft eine Veränderung dieser Tatsache.

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