Es gibt Geschichten, die finden wir alle zum Weinen schön. Geschichten, die eben ein wenig kitschig sind. Geschichten, über die man sagt: Kann doch eigentlich gar nicht sein. Eben Geschichten, wie sie nun der Fußball schreibt. Ein Spieler, der den Verein bald verlässt, trifft noch ein letztes Mal für seinen alten Klub. Was gar nicht einmal so außergewöhnlich klingt, war es gestern Abend in Budapest jedoch für alle, die es mit dem FC Bayern halten. Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteurin Isabella Lößl.

Internationaler Supercup, Champions League-Sieger gegen Europa League-Gewinner, Bayern München gegen den FC Sevilla. In Ungarn fieberten gestern Abend 20.000 Fans dieser Partie entgegen. Die nächste Gala der Münchner? Damit rechneten nur die wenigsten, denn die Spielweise der Spanier ist nicht unbedingt das, was spielstarke Mannschaften mögen. Das sportliche Interesse an der Partie? Eher ausbaufähig. Sevilla ging schnell in Führung. Warum? Weil sich das Schiedsrichtergespann um Anthony Taylor offenbar dachte: Solche Elfmeter kann ich daheim in England nie pfeifen, aber hier darf ich jeden kleine Kontakt ahnden. Es war eine, man möchte fast sagen, interessante, außergewöhnliche Leistung, die Taylor in jenen 120 Minuten auf den Rasen zauberte. Aber zurück zur Geschichte, die dem Abend seine Krone aufsetzte. Die Bayern glichen irgendwann in Person von Leon Goretzka aus. Da sie jedoch recht verschwenderisch mit ihren Chancen umgingen und so manches Tor aus taylorischen Gründen aberkannt wurde, mussten sie in die Verlängerung. Der Kader des Triple-Champions ist klein, wen also wollte Hansi Flick von der Bank bringen? Er entschied sich dazu, Javi Martínez noch ein paar Minuten Spielzeit zu gönnen. Seine letzten im Bayerntrikot, denn der Spanier wird in Kürze zurück in die Heimat gehen. Ein Abschied, der aus sportlicher Sicht durchaus Sinn macht, der aber jeden Bayernfan mitten ins Herz trifft.

Javi, wer?

Seit acht Jahren ist Martínez nun in München. Als er für die damalige Rekordsumme von 40 Millionen Euro geholt wurde, gab es nicht wenige, die sich dachten: Wer? Martínez? Noch nie gehört. Ein paar Monate später wussten sie, wer dieser Martínez ist. Die Bayern triumphierten im Londoner Wembley Stadium gegen den BVB. Gefeierte Helden: Europas Fußballer des Jahres Franck Ribéry und natürlich Spielentscheider Arjen Robben. Vielleicht noch Keeper Manuel Neuer. Im Stillen aber wusste einer: Den Hauptanteil an diesem Titel habe eigentlich ich geliefert. Javi, der Neue aus dem Baskenland, hielt das Mittelfeld vom ersten Tag an zusammen, konnte sich in Ruhe entwickeln, da sich das Geschehen auf die Offensive konzentrierte. In London lieferte er dann sein Meisterstück ab. Als eine Woche später auch noch der DFB-Pokal an die Isar wanderte, war er es, der zum leisen Triple-Helden wurde. Zu einem Helden, der nur eines wollte: Nicht auffallen, nicht im Mittelpunkt stehen. Sein Lohn: Im europäischen Supercup gegen Chelsea traf er in der allerletzten Sekunde der Verlängerung zum 2:2, rettete seine Mannschaft ins Elfmeterschießen und sicherte somit auch den Gewinn des Titels. Endlich war Martínez auch einmal der offizielle Held. Wo dabei nun die emotionale Geschichte ins Spiel kommt? Es ist schlichtweg wie immer: Geschichte wiederholt sich.

Martínez sagt Adios und darf immer wiederkommen

Siebe Jahre sind seit dem entscheidenden Treffer vergangen. Gestern Abend wusste Martínez: Ich darf noch einmal ran, noch einmal in meinem Trikot alles geben, bevor ich mich von meinen Freunden und Fans verabschiede. Emotional wäre es so oder so gewesen, doch der 32-Jährige wollte seine Geschichte noch schöner machen. Wenige Minuten nach seiner Einwechslung traf er zum 2:1. Es war das entscheidende Tor, das Spiel ging mit jenem Ergebnis zu Ende. Er hatte es wieder getan. Er hatte seiner Mannschaft wieder den internationalen Supercup gesichert. Er tat es genau zweimal: Nach seiner allerersten und seiner allerletzten Saison im Trikot des deutschen Rekordmeisters. Bei der Siegerehrung zeigte sich dann, wieso er zu den beliebtesten Spielern überhaupt gehört. Martínez beobachtete die Feierlichkeiten aus der letzten Reihe, fast schüchtern ließ er sich schließlich den Pokal überreichen. Und in genau diesem Moment wird er gewusst haben: Es begann mit einem Titel, es endet mit einem Titel. Einige Spieler, die ihn 2012 an der Säbener Straße empfangen hatten, ließen ihn nun ein letztes Mal hochleben. Den Musterprofi, den Normalo von Nebenan, den Maschínez, den leisen Helden von Wembley 2013. Einen Spieler, der auf und neben dem Platz zu den absoluten Publikumslieblingen gehörte. Sein Abschied ist so gut wie durch, nur die letzten Details müssen noch geklärt werden. Es geht zurück in die Heimat. In die spanische Heimat, denn der FC Bayern wird für Martínez immer das zweite Zuhause bleiben. 2019 waren es Arjen Robben und Franck Ribéry, 2020 sind es Thiago und Javi Martínez. Die vielen Titel können nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Bayernfans in den letzten 16 Monaten Spieler weggenommen wurden, die man eigentlich niemals gehen lassen wollte. Und so ging es gestern Abend zu Ende, das Spiel, das eigentlich niemanden so richtig interessierte. Zumindest so lange, bis Martínez mit seiner kitschigen Geschichte viele zu Tränen rührte. Er wird gehen, doch ein Teil von ihm wird für immer bleiben. Nicht nur die beiden Tore im Supercup. Muchas Gracias, Javi!

Foto: Bernadette Szabo/Getty Images