Wochenlang wurde verhandelt, diskutiert und gehofft, nun ist es Gewissheit: Thiago verlässt den FC Bayern und damit auch die Bundesliga. Er geht als Triple-Sieger in der wohl besten Form seines Lebens. In München wird er eine große Lücke hinterlassen. Einerseits sportlich, andererseits menschlich. Dem deutschen Fußball jedenfalls wird der kleine Mittelfeldzauberer sehr fehlen. Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteurin Isabella Lößl.

"Thiago oder nix!" Es gibt Trainer, die geben sich bei ihrem Einstand im neuen Klub bescheiden, Pep Guardiola aber wusste 2013 ganz genau, was er will. Die Bayern waren gerade Triple-Sieger geworden, hatten auf ihrem Weg nach ganz oben sämtliche internationale Topklubs geschlagen. Darunter war auch der FC Barcelona, dem man zwei äußerst schmerzhafte Niederlagen zufügte. Und genau dort, in Barcelona, spielte einer, der es Pep besonders angetan hatte: Thiago Alcantára. 22 Jahre jung, ein ballsicherer Zauberer für das defensive und zentrale Mittelfeld. Ein Künstler, der für den spielerischen Glanz sorgen sollte. Pep wollte Thiago unbedingt, bis die Bosse seinem Wunsch schließlich nachkamen. Am 14. Juli 2013 war es dann endlich soweit: Der Spanier unterschrieb beim FC Bayern! Sofort wurden große Hoffnungen in ihn gesetzt. Was den frischgebackenen Champions League-Sieger damals besonders freute: Mit 25 Millionen Euro konnten sie ein echtes Schnäppchen ergattern. Ein Schnäppchen, das seine erste Saison in der Bundesliga so ganz anders erlebte, als er es eigentlich geplant hatte. Erst war es ein Syndesmosebandriss, dann ein Innenbandriss im Knie – nur achtmal stand er über 90 Minuten in der Liga auf dem Platz. Der besagte Innenbandriss beschäftige ihn monatelang. Die Bilanz der Saison 2014/15: Gerade einmal 13 Pflichtspieleinsätze! Hatten die Bayern mit diesem Transfer etwa doch ein Eigentor geschossen? Hatten sie nicht, denn in den beiden Folgejahren zeigte Thiago, wieso Pep ihn unbedingt haben wollte. Jener Pep übrigens verließ den FCB 2016, Thiago aber blieb.

Thiagos Krönung am 23. August 2020

Es schien, als habe er sich endlich in der ersten Elf festgespielt, als Ende 2017 die nächste schwere Verletzung diagnostiziert wurde. Der Spanier aber kämpfte sich zurück und begann die Saison 2018/19 da, wo er hingehört: Im zentralen Mittelfeld mit absoluter Stammplatzgarantie. Den ganz großen Coup hob er sich für das Jahr 2020 auf. Die Endphase der Saison verpasste er auf Grund einer Leisten-Operation, doch pünktlich zur Champions League war er wieder fit. Das große Ziel: Der Henkelpott. Zwar durfte Thiago ihn 2011 schon einmal in den Händen halten, allerdings nur als Ersatzspieler des FC Barcelona mit einem einzigen Einsatz. 2020 sollte alles anders werden. Es kam zum Duell mit seiner alten Liebe. Einem Duell, von dem man in Katalonien noch in 100 Jahren sprechen wird. Der FC Bayern und Thiago gewannen mit 8:2. Spätestens jetzt wurde deutlich: Diese Mannschaft ist eigentlich nicht aufzuhalten. Wenige Tage nach dem Spektakel hatte man es dann endlich geschafft. Nach einem 1:0-Sieg gegen Paris bestiegen die Bayern den europäischen Fußballthron. Einer der Ersten, der den Henkelpott in die Höhe recken durfte, war Thiago. Mit einem lachenden und einem weinende Auge feierte er den großen Triumpf, denn er wusste: Das war’s. Ich werde diese Mannschaft verlassen.

Familie Alcantára und der FC Bayern: Mehr als nur ein Arbeitgeber

So sehr man sich als Bayernfan über jenen 23. August freute, so sehr tat es gleichzeitig auch weh, zu sehen, wie sich Thiago von seinen Mitspielern verabschiedete. In sieben Jahren hat er der Bundesliga das gegeben, was ihr lange gefehlt hat. Einen Regisseur, der das Spiel lenkt, den Ball streichelt und seine Mannschaft mitreißen kann. Der ein Komplettpaket mitbringt, das es so nur selten gibt. Thiago aber war weit mehr als nur der Maestro auf dem Feld. In München lebte er nicht nur, in München war er dahoam. Sein mittlerweile drei Jahre alter Sohn Gabriel, übrigens genau einen Tag älter als Robert Lewandowskis Tochter Klara, wuchs zum wohl größten Fan seines berühmten Papas heran. Wie er seine Nachmittage verbrachte? Natürlich im Trikot mit der Nummer 6. München und der FC Bayern, sie waren sieben Jahre lang die Heimat von Thiago, seiner Frau Julia Vigas und den beiden gemeinsamen Kindern. Die Allianz Arena war das Wohnzimmer, in dem ihm die Fans so gerne haben spielen sehen. Viele große Spieler verließen den FC Bayern und stießen damit auf Unverständnis. Bei Thiago aber gibt es nicht einen einzigen Anhänger, der ihm den Wunsch, noch einmal eine neue Liga kennenzulernen, abschlagen würde. Seine emotionale Abschiedsbotschaft zeigt: Ich verlasse nicht meinen Arbeitgeber, ich verlasse mein Zuhause. Heute Abend wird Thiago nicht mit dabei sein, wenn die Bayern den Saisonauftakt gegen Schalke bestreiten. Vergessen aber wird ihn in München niemand. Und sollte er mit dem FC Liverpool einst an die Isar zurückkehren, darf er sich sicher sein: Nicht einmal beim entscheidenden Tor gegen den FCB könnte man ihm böse sein.

Foto: Miguel A. Lopes/Getty Images