Es war eine Performance wie vom anderen Stern, die der FC Bayern gestern auf den Rasen in Lissabon zauberte. Mit einem 8:2 gegen den großen FC Barcelona hatte wohl kaum einer gerechnet, die Spanier standen hilflos Spalier. Nach dem Schlusspfiff taten die Münchner alles, um nicht zu euphorisch zu werden. Denn das, was sie seit Monaten abliefern, scheint zum Besten der Vereinsgeschichte zu werden. Aber warum eigentlich? Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteurin Isabella Lößl.

Wenn sich der FC Bayern und der FC Barcelona auf europäischer Bühne gegenüberstehen, hält die Fußballwelt den Atem an. So auch gestern, wo man sich im Viertelfinale des neuen Modus in der Champions League traf. Ein vorgezogenes Finale, da waren sich alle einig. Ein Spiel auf Augenhöhe, in dem die Tagesform entscheiden würde, beide Mannschaften bestückt mit einer hervorragenden Offensive, da wird es wohl eng zugehen. Alle, die auf eine umkämpfte Partie gesetzt hatten, wurden enttäuscht. Wer es mit den Spaniern hielt, ging vermutlich schon nach der ersten Halbzeit ins Bett. Denn das, was die Bayern an diesem Freitag abliefern, sollte in die Geschichtsbücher eingehen. 8:2 – ein Ergebnis, das von niemandem vorauszusehen war und irgendwie doch keine allzu große Überraschung ist, wenn man sich die Leistungen beider Teams einmal genauer ansieht. Es war eine Demontage, die sich ein Stück weit angekündigt hatte. Die Münchner zeigten gestern, dass sie genau das haben, was dem FC Barcelona fehlt.

Gier und Schnelligkeit

Im Jahr 2020 gab der FC Bayern ein einziges Mal zwei Punkte ab, alle anderen Partien wurden gewonnen. In der Champions League lesen sich die Zahlen unglaublich. Acht Spiele, acht Siege, 39 Tore – Rekord! Ist es also nur die Offensive, die unfassbar gut ist? Fakt ist: Robert Lewandowski ist in der Form seines Lebens, scheint mit jedem weiteren Lebensjahr immer besser zu werden. Er wird flankiert von Serge Gnabry und Kingsley Coman. Wer aber noch viel wichtiger ist: Ein Thomas Müller, der spielt, als hätte er seine Karriere gerade erst begonnen. Dazu kommt Ivan Perisic, der als Ergänzungsspieler immer überzeugt, wenn er in die Partie kommt. Lionel Messi, Antoine Griezmann, Luis Suárez, Ousmane Dembélé und Ansu Fati, liest man sich die katalanischen Namen der Offensive durch, kommt man eigentlich zum Entschluss, dass es besser gar nicht geht. Und doch waren es die Bayern, die gestern ein ums andere Mal jubelten. Nicht, weil die Einzelspieler überzeugen, sondern weil sich die Mannschaft zu einem starken Gefüge gemausert hat. Ein Hauptgrund für die Leistungen ist im Mittelfeld zu finden und trägt den Namen Leon Goretzka. Er kam vollkommen verwandelt aus der Corona-Pause und hat seinem Pendant Sergio Busquets gezeigt, was im Jahr 2020 gefordert ist: Aggressivität, Schnelligkeit und Übersicht. Dieses Duell spiegelt genau das wider, was den gestrigen Unterschied verdeutlicht. Die Münchner sind gierig bis in die Haarspitzen, jagen jedem Ball hinterher und wollen den Sieg unbedingt. Die Katalanen dagegen wissen selbst nicht so genau, wie sie spielen wollen. Die Mannschaft ist überaltert, kommt nicht mit dem Trainerteam zurecht und beruft sich ausschließlich auf die zweifelsohne großen Namen. Man könnte fast sagen: Der FC Barcelona lebt gerade von seiner glorreichen Vergangenheit. Die Bayern dagegen haben verstanden: Der Fußball hat sich verändert. Junge, hungrige Spieler wie Goretzka, Kimmich oder Davies müssen her, dazu braucht es den ein oder anderen erfahrenen Akteur, der die Zügel in die Hand nimmt. Die bisherige Saison im Jahr 2020 hat gezeigt: Die Münchner haben das, was Barcelona gerne hätte. Mit einem 8:2 dufte wahrlich niemand rechnen. Der klare Sieg der Bayern aber ist vermutlich weniger überraschend, als es der neutrale Fußballfan auf den ersten Blick meinen mag.

Foto: Manu Fernandez/Getty Images