Als Bayerntrainer hat man es nicht immer leicht. Jeder Titel wird angepeilt, eine Niederlage gleiche einer Katastrophe und die Führungsetage hat meist das letzte Wort. Richtig machen kann es kaum einer. Auch Niko Kovač musste/durfte eineinhalb Jahre erleben, was es heißt, Trainer des FC Bayern zu sein. Seine Zeit ist seit wenigen Tagen zu Ende. Sein Abschied? Respektvoll, loyal, mit Stil und Charakter. Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteurin Isabella Lößl.

Im April 2018 sickerte durch: Eintracht-Trainer Niko Kovač wird ab Juli beim FC Bayern an der Seitenlinie stehen! Diese Verkündung schlug hohe Wellen. Auf Seiten der Frankfurter fühlte man sich übergangen, schließlich hatte Kovač stets betont, sich nicht mit einem Vereinswechsel zu beschäftigen. Auch beim FCB waren viele Anhänger verwundert. Kovač? Ist das wirklich der richtige Trainer? Nicht wenige sahen in ihm nur eine B-Lösung, weil kein großer Trainername verfügbar war. In die Herzen der SGE-Anhänger fand Kovač zurück. Im Mai 2018 holte er mit der Eintracht sensationell den DFB-Pokal. Gegen? Seinen zukünftigen Arbeitgeber Bayern München. Trotzdem sah man ihn noch immer kritisch. Der FC Bayern sei eine Nummer zu groß für ihn, so die große Hürde, die er zu widerlegen hatte. Der 1. Juli 2018 war gekommen und Kovač trat sein Amt an der Säbener Straße an. Vom ersten Tag an war klar: In Ruhe arbeiten lässt man ihn nicht. Jeder kleine Vorfall im Training, jedes Gegentor, alles wurde kritisch beäugt und hinterfragt. Im Herbst 2018 schlitterte man dann in eine tiefe Krise. Es entstanden Gräben innerhalb der Mannschaft und man lag neun Punkte hinter dem BVB. Kovač stand kurz vor dem Rauswurf. Eine Chance bekam er noch: Die Partie in der Champions League gegen Benfica Lissabon. Und plötzlich drehten seine Spieler auf und zeigten, was in ihnen steckt. Das Spiel endete 5:1. Kovač war rehabilitiert und durfte weiterarbeiten.

Gefeierter Double-Trainer

Die Rückrunde glich einem Triumphzug. Die neun Punkte Rückstand wurden aufgeholt, am Ende feierte man Zuhause am letzten Spieltag die Meisterschaft. Gegen? Seinen Ex-Klub Eintracht Frankfurt. Nach der Partie und der Übergabe der Schale holte die Südkurve Kovač zu sich. Ein Ritterschlag für den sichtlich gerührten Coach. Er schien angekommen in München. Eine Woche später krönte er die vermeintlich misslungene Saison und holte mit einem 3:0 gegen RB Leipzig auch noch den DFB-Pokal. Zum dritten Mal in Folge hatte er damit im Endspiel gestanden. Eine Sache aber fehlte: Ein klares, emotionales Bekenntnis der Bosse. Wie auch in Zeiten der Krise würdigte man seine Leistung viel zu wenig. Ein Indiz dafür, was ihn in seinem zweiten Jahr in München erwarten würde? Arjen Robben, Franck Ribéry, James Rodríguez und Mats Hummels waren nur die namhaftesten Abgänge. Adäquat ersetzt wurden die Spieler nicht. Man stellte Kovač einen Kader zusammen, bei dem klar war: Das ist zu wenig. Der Start gelang trotzdem, doch Anfang Oktober begann es zu kriseln. Kovač blieb kämpferisch, doch seine Mannschaft ließ ihn im Stich. Nach einer desolaten 1:5-Niederlage fand die Krise ihren Höhepunkt. Gegen? Seinen Ex-Klub Eintracht Frankfurt. Kovač bot seinen Rücktritt an, die Bosse willigten sein.

Emotionaler Abschied

Uli Hoeneß sprach von einem erleichterten Niko Kovač, von dem ein gewisser Druck abgefallen sein soll. Schuld an der Münchner Misere hat Kovač nicht. Die Zusammenstellung des Kaders gehört nicht zu seinen Aufgaben. Lustlose Auftritte seiner Spieler ebenso nicht. Ein böses Wort kam ihm trotzdem nicht über die Lippen. Im Gegenteil: Von den Mitarbeitern an der Säbener Straße verabschiedete er sich in einer längeren E-Mail. Am Dienstag kehrten er und Bruder Robert zurück zur Mannschaft, um sich persönlich zu verabschieden und Danke zu sagen. Eine Geste, die man nicht genug würdigen kann. Seine Zeit in München war geprägt von fehlendem Vertrauen und Missverständnissen, die man auf seinem Rücken austrug. Obwohl er zwei Titel holte, wurde seine Arbeit nie ausreichend wertgeschätzt. Umso bemerkenswerter ist sein Abschied. Ein Trainer, der menschlich weitaus mehr glänzt, als die gesamte Führungsetage. Das viel zitierte „Mia san Mia“ durfte Kovač leider nicht erleben. Wer auch immer sein Nachfolger wird, sollte eines wissen: Menschlichkeit und Loyalität sind weitaus weniger wichtig, als der Titel in der Königsklasse.

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