Es sind unruhige Wochen für Niko Kovač und Lucien Favre. Die beiden Trainer von Bayern München und Borussia Dortmund müssen sich derzeit arger Kritik erwehren. Richtige Entscheidungen treffen können sie derzeit kaum. Wieso aber stehen sie derart unter Druck? Wo bleibt die Rückendeckung, die früher selbstverständlich für Trainer war? Wieso lässt man beide nicht endlich in Ruhe arbeiten? Ein Kommentar von LIGABlatt-Redakteurin Isabella Lößl.

Die Ansprüche beider Vereine sind klar, für Bayern und den BVB zählt in dieser Saison nur der Titel. Der bisherige Saisonverlauf war beidseitig etwas holprig. Unnötige Punktverluste haben allerdings zu heftige Kritik zur Folge. Die Ausgangslage beim FC Bayern liest sich eigentlich nicht schlecht. Zwar schwächelt man in der Liga etwas, trotzdem ist man nur einen Zähler hinter der Tabellenspitze. In der Champions League sieht es dafür perfekt aus. Man liegt nach drei Spielen und drei Siegen mit fünf Punkten Vorsprung vor Tottenham an der Spitze und steht bereits mit einem Bein im Achtelfinale. Die Spurs schlug man vor wenigen Wochen gar mit 7:2. In den vergangenen Wochen allerdings büßten die Bayern ihr Selbstverständnis ein. Sie schenkten Siege in letzter Minute her und fielen zurück in die alte Unsicherheit aus der Hinrunde der Vorsaison. Dazu gesellt sich in München die Problematik um Thomas Müller, der zu selten spielen darf. Der Schuldige an der derzeitigen Mini-Krise: Trainer Niko Kovač. Ließ der Coach in der Vergangenheit Thomas Müller spielen, hieß es, Müller sei viel zu schlecht, Kovač hätte James Rodríguez vergrault und auf den wesentlich schwächeren Müller gesetzt. Setzt er, wie aktuell, auf Neuzugang Philippe Coutinho statt auf Müller, muss er sich vorwerfen lassen, er behandle Publikumsliebling Müller ungerecht. Oder anders gesagt: Kovač kann machen was er will, falsch macht er es immer.

Im vergangenen Jahr wurde dem Kroaten vorgeworfen, er sei nicht variabel, was sein Spielsystem angeht. Mittlerweile allerdings versucht er viele Taktiken und stellt auch während der Partien um. Wenn seine Spieler in Augsburg in letzter Minute den Ausgleich kassieren, steht für viele fest: Kovač ist schuld. Er könne seine Spieler nicht richtig einstellen. Gewinnt der FC Bayern mit 7:2 in Tottenham, heißt es: Damit hat Kovač nichts zu tun. Jeder Trainer könne mit diesen Spielern so hoch gewinnen. Weshalb genießt der Coach dermaßen wenig Rückendeckung? Am Ende der vergangenen Saison holte er sich den Ritterschlag ab, als die Südkurve in München ihn auf den Zaun bat. Diese Fürsprecher hat er freilich nach wie vor. Trotzdem gibt es viele, die ihm so gar kein Vertrauen schenken wollen. Genau auf diesen Zug wird von den Medien aufgesprungen. Es vergeht kein Tag, an dem man Kovač in Ruhe arbeiten lässt. Er ist der Sündenbock für jedes kleine Problem, das im Verein existieren könnte. Und damit ist er nicht allein. Auch in Dortmund ist dieses Phänomen zu beobachten.

Kovač du Favre im Kreuzfeuer

Es hätte nicht viel gefehlt und Dortmund hätte sich in der vergangenen Saison die Meisterschaft geschnappt. Damals hieß es, Lucien Favre passe wie die Faust aufs Auge zum BVB. Wenige Monate später ist alles anders. Der Vizemeister hat aktuell genauso viele Punkte auf dem Konto, wie auch der FC Bayern. In der Champions League setzte es vor wenigen Tagen eine Niederlage gegen Inter Mailand. Trotzdem ist das Erreichen des Achtelfinals weiterhin möglich. Favre darf sich derzeit von allen Seiten anhören, wieso er überhaupt nicht nach Dortmund passen würde. Inmitten dieser schwierigen Situation veröffentlicht Hans-Joachim Watzke seine Biografie und schwärmt öffentlich von Ex-Trainer Jürgen Klopp. Genau hier liegt Favres Problem. Was immer er derzeit sagt oder macht, er wird mit Klopp verglichen. Und diesen Vergleich verliert er. Nicht etwa aus qualitativer Hinsicht. Es werden Vergleiche zwischen einem ruhigen, introvertierten Schweizer und einem emotionalen Motivator Klopp gezogen, die schlichtweg respektlos und ungerecht sind. Favre lässt man nicht sein, wie er ist. Als man ihn verpflichtete, wusste man: Wir holen hier keinen Kloppo 2.0.

Niko Kovač und Lucien Favre sind derzeit im gleichen Boot unterwegs. Beide verdienen mehr Respekt. Zum einen von Seiten der Vereinsführung. Watzke, Zorc, Hoeneß und Rummenigge sollten sich deutlich mehr zu ihren Trainern positionieren. Zum anderen aber auch von Seiten der Medien. Der Umgang mit Kovač und Favre gleicht aktuell fast schon einem Mobbingversuch. Überall ist zu lesen, wieso beide die falschen Trainer sind, welche Fehler ihnen unterlaufen und weshalb sie vor dem Aus stehen. Objektive Berichterstattung? Fehlanzeige. Die Schnelllebigkeit des Fußballs nimmt langsam aber sicher Züge an, die niemand mehr gutheißen kann. Übrigens: Vor fast genau 10 Jahren erlebten wir den Todesfall des Robert Enke. Damals hieß es, es müsse sich einiges ändern. Das hat es. Nicht aber zum Positiven.

Foto: Christof Stache/Getty Images