Entwickelt sich Beşiktaş endgültig zum Altersheim?

Beim UEFA Champions League Spiel gegen den deutschen Meister FC Bayern München war spätestens in der zweiten Halbzeit klar zu erkennen, dass mit einer derart alten Truppe in Europa kein Blumentopf zu gewinnen ist. Mut-, kraft- und ratlos, so lauteten die Kommentare in den einschlägigen Gazetten zur desolaten Leistung, vor allem in der zweiten Halbzeit. Der Platzverweis gegen Domagoj Vida ändert nichts daran, die Mannschaft ist auch konditionsmäßig nach der Pause regelrecht zusammengebrochen.

Nicht wenige fragen sich mittlerweile, was sich Trainer Şenol Güneş dabei gedacht hat, als er in dieser Saison abermals vier Spieler mit über 30 Jahren und zwei Spieler mit 29 Jahren verpflichtet hat. Auch ein Blick auf den derzeit dritten Tabellenplatz in der Süper Lig, noch hinter Istanbul Basaksehir, lässt erahnen, dass dem Kader etwas mehr Frische guttun würde. Am Montagabend geht es in Trabzon ran, danach zu Hause im Rückspiel gegen die Bayern und eine Woche später gegen Genclerbirgili. Die höchsten Quoten gibt es bei Wettquoten.com. Einige sagen schon scherzhaft, dass bei Beşiktaş sicherheitshalber ein paar Rollatoren angeschafft werden sollten, um die alternden Edelstars zwischen den Partien auf den Beinen zu halten.

Bestandsaufnahme

Der Altersdurchschnitt liegt bei mittlerweile 31 Jahren, jedenfalls was die letzten Aufgebote in der Startelf anbetrifft. Beim Blick auf das Papier sind lesen sich die Namen klangvoll, aber wenn man das Alter daneben schreibt, wird jedem schnell klar, dass die Truppe auch auf einer Ü40-Party keine Schwierigkeiten hätte am Türsteher vorbeizukommen. Innenverteidiger Pepe wurde mit 35 Jahren aus Madrid geholt, Linksverteidiger Adriano hat 33 Jahre auf dem Buckel, Stürmer Vagner Love, ist ablösefrei von Alanyaspor gekommen, ist ebenfalls 33 Jahre alt. Erschwerend kommt hinzu: Top-Talent Anderson Talisca wurde kürzlich zum Schock vieler Beşiktaş-Fans zwei weitere Jahre bis 2020 an Benfica Lissabon ausgeliehen. Dabei hätte der Brasilianer mit seinen 24 Jahre den Altersdurchschnitt etwas senken können. Außerdem wäre der Spieler nach eigenem Bekunden gern zu Beşiktaş zurückgekommen. Selbst der geneigte Anhänger fragt sich inzwischen, wie die schon im letzten Jahr versprochene Verjüngungskur jemals gelingen soll. Viele sagen sogar etwas bissig, dass sich Besiktas zu einer Art Altenheim im europäischen Fußball entwickelt, bei dem sich ehemalige Top-Stars wie Pepe oder reanimierte Brasilianer noch einmal etwas zur Rente dazuverdienen können.

Was steckt dahinter?

Das Problem ist natürlich zu einem Großteil hausgemacht. Auch bei Beşiktaş lassen sich Züge von Misswirtschaft in den vergangenen Jahren kaum verleumden. Es wurde viel zu wenig in den eigenen Nachwuchs investiert und die Transfers der vergangenen Jahre waren insgesamt gesehen nicht der große Wurf, finanziell schon gar nicht. Auch der Zuschauerschnitt, mit etwa 30.000 pro Spiel, immer noch einer der höchsten in der Süper Lig, hängt gegenüber vergleichbaren Mannschaften in anderen europäischen Ligen viel zu weit zurück. Hier spielt auch der Vertrauensverlust nach dem Manipulationsskandal 2011 immer noch eine Rolle.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Die Edelspieler wollen in Dollar oder Euro bezahlt werden. Das natürlich ungünstig, wenn der Großteil der Erträge in türkische Lira generiert wird. Die ökonomischen Probleme des Landes haben sich auch massiv auf den Wechselkurs durchgeschlagen. Selbst der neue Fernsehvertrag, den die Süper Lig mit den Scheichs aus Katar geschlossen hat, kann die Probleme der türkischen Vereine nicht auffangen. Auf der anderen Seite kosten die jungen Stars in Europa mittlerweile Unsummen. Beträge, die sich auch ein Traditionsverein wie Beşiktaş nicht leisten kann. Nur so ist der Zugriff auf Spieler wie Pepe, die kurz vor ihren Rentenantritt stehen zu erklären. Selbstverständlich ist auch ein Problem für viele andere europäische Mannschaften. Aber als Ausrede kann das nicht gelten. Dem Management von Beşiktaş muss es gelingen, den Kader strategisch zu verjüngen. Das zeigt mittlerweile auch der Blick auf den nur noch dritten Tabellenplatz in der türkischen Liga hinter Galatasaray und Başakşehir. Neuzugänge wie Vágner Love können die Situation nur kurzfristig überdecken, helfen aber strategisch nicht weiter.