Es ist der 30. August 2013 und LIGABlatt erwartet in wenigen Stunden eine weitere niederschmetternde Entscheidung zum türkischen Fußball: Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) wird nach Fenerbahçe mit großer Wahrscheinlichkeit auch die "Schwarzen Adler" zum Zuschauen verdammen. Heute feiert die Türkei den Feiertag des Sieges, der türkische Fußball eine unvergessliche Niederlage: Wir singen "Neredesin Ay Yüzlüm".  

Von LIGABlatt-Chefredakteur F. Senel

Erinnern Sie sich an das Jahr 2002, als die türkische Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan Dritter wurde ich als 15-Jähriger mit großen Augen meinen deutschen Klassenkameraden von Ilhan Mansiz, Alpay Özalan, Ümit Davala, Hakan Sükür und Co. erzählen durfte. Es war die große Pause damals in der 5. Klasse, als man mich etwa um 9.00 Uhr ärgern wollte – Brasilien würde zur Pause die Türkei mit einem 5:0 abfertigen. Im Radio verfolgten wir damals Smartphone-Losen natürlich mitten im Unterricht das Spiel und hörten, dass Ilhan Mansiz einen Brasilianer übel austrickste und die Türkei aber am Ende 1:2 unterlag, dennoch eine respektable Leistung hinlegte. Unter der Leitung von Senol Günes mit den Veteranen von Galatasaray, die im Jahr 1999 und 2000 in Europa zeigen, was türkische "Löwen" so drauf haben, wurde die Türkei stolzer Dritter und alle glaubten daran, dass der türkischer Fußball fortan in großen Lettern von sich sprechen lassen würde. Es kam aber ganz anders:

Das heranwachsende Trauma

Bei der Qualifikation zur EM 2004 wurde ich Zeuge, damals noch vor dem Röhrenfernseher in SD-Qualität, wie die Halbmond-Sterne gegen Lettland den Kürzeren zogen und die EM-Endrunde verpassten. Im November 2003 hieß es für uns türkische Jugendliche "Such dir einen anderen Favoriten" aus. Diese Geschichte würde uns noch für Jahre verfolgen. So mit für Deutschland Flagge wedeln war damals noch nicht angesagt. Einen Trost hatten wir dennoch: Die Weltmeisterschaft im Juni 2006 in Deutschland! Mit dem Spruch "Halbmond-Stern über Deutschland" träumten wir davon, dass die Türkei in Deutschland den Titel holt, zumindest Deutschland schlägt :) Das waren ja nur sportlich-freundliche Gedanken.

Im Juni aufgewacht schauten wir mit unserem ersten HD-Fernseher, wie die WM auch ohne die Türkei Spaß zu machen schien, wie die Deutschen Fans nach türkischer Manier in Korsos den Stadtverkehr ein wenig umänderten. Vergessen konnten ich und meine frenetischen Fußballfreunde diese Bilder nicht. Mitfeiern? Für wen? und mit wem? Damals hatte ja die CDU nichts von Integration erzählt :)

EM 2008 als "Steh auf Junge!"

Ja, wie dem so ist, verpasste die Türkei schließlich die WM 2010 und die EM 2012 und wird vermutlich auch die WM 2014 nicht spielen. Könnten Sie sich vorstellen? Ein 15-Jähriger Junge am Anfang der Geschichte ist heute 25 und durfte bisher nur bei einem Turnier bis auf den Erfolg bei der EM 2008 positiv über den türkischen Fußball sprechen. Wohl die falsche Mannschaft zum Jubeln gewählt oder einfach machtlos gegenüber dem Schicksal, dass unser Fußball von irgendwelchen Oligarchen, machtbesessenen Industriellen, Clowns gelenkt wird.

Unsere Zukunft hat Bauchschmerzen

Heute ist Hakan Sükür Abgeordneter und TV-Experte im türkischen Staatsfernsehen TRT. Alpay Özalan pumpt sich im Fitness-Studio auf, Ümit Davala darf neben Fatih Terim Fußballlehrer lernen und die Entscheidungen im türkischen Fußball trifft immer noch Herr Demirören, der erst Besiktas zu einem finanziellen Schrott machte und heute den Verband irgendwie organisiert.

Jetzt stelle ich zum Schluss wirklich ernstzunehmende Fragen:

– Wir der TFF Charakter, Ehre und Ehrlichkeit zeigen und den türkischen Manipulationsskandal gerecht abfertigen?

– Werden die Klubpräsidenten einsehen, dass der türkischer Fußball wegen ihren Handlungen zu einer Lachnummer wurde?

Licht aus! Dieser Anblick kann den türkischen Fan nur anekeln. In diesem Sinne: "Neredesin Sen Ay Yüzlüm?"