Als Fußballfan hat man in der Türkei derzeit nichts zu lachen. Vielmehr herrscht ein Gewusel der Gefühle in den Köpfen der Fans und der Funktionäre. Furcht vor der Strafe der UEFA, Frust über geldgierige Hintermänner, Enttäuschung über den Sport aber auch der Fußballnation, vermeintliches Meisterschaftsglück oder schadenfrohe Schlagzeilen trüben den Himmel über der Süper Lig. Ohne Frage: Ein Mentalitätswechsel ist unumgänglich.

Um schnörkelnde Ausschweife zu vermeiden kann man gleich mit der Tür ins Haus fallen. Vetternwirtschaft, Nachlässigkeit, Feilscherei, Medienhetze, Geldgier und Machtsucht haben den türkischen Fußball mit viel krimineller Energie in den Ruin getrieben.

Das Krebsgeschwür des türkischen Fußballs

Der Manipulationsskandal hat den Geschwulst, der Jahre lang wie eine Krebszelle den türkischen Fußball von innen ausgehöhlt hat, zum Vorschein gebracht. Mit einem Schlag wurden die schlimmsten Befürchtungen und Anzeichen bestätigt.

Doch anstatt rational zu handeln, nach einer tiefgehenden Analyse den Krebsgeschwür  bis auf die letzte Zelle zu vernichten und den Heilungsprozess schnell einzuleiten, hat man sich der historisch bewährten, typisch türkischen Strategie angenommen.

Mittelalterliche Hetzjagd

Das unmündige und ohnehin gleichgültige Fußballvolk wurde instrumentalisiert und mit ordentlicher Hilfe der Medien wurden falsche Tatsachen geschaffen. Fern von jeglicher Nüchternheit und emotionsgesteuert wurden die Köder geschluckt und eine aus dem Mittelalter gleichende Hetzjagd gegen die Kritiker wurde gestartet.

Geheime Machenschaften hinter verschlossenen Türen

Auf der anderen Seite wurden hinter verschlossenen Türen alle Wege eingeleitet, um die Aufmerksamkeit auf andere Gefilde zu lenken. Die neue Play-off-Regelung hat in diesem Zusammenhang seinen Zweck erfüllt. Unbeteiligte Clubs mussten sich nun um die eigene Haut kümmern und ließen die Machenschaften über sich ergehen.

Allein das Abdanken von Mehmet Ali Aydinlar und der Antritt von Yildirim Demirören bringt die vorherrschende Mentalität auf den Punkt. Mit anderen Worten wurde der bekennende Fenerbahce-Anhänger Aydinlar vom ehemaligen Präsidenten von Besiktas Istanbul abgelöst. Fenerbahce und Besiktas gehörten am Anfang der Manipulationsvorwürfe zu den Hauptverdächtigen.

Demirören ? Die türkische Dolchstoßlegende

Demirören, frisch im Amt, machte keinen Hehl daraus, dass er die Strafen für die mutmaßlichen Täter auf ein Mindestmaß absenken wolle. Sein erster Streich war die Änderung des Paragraphen 58, welches die Strafen für Manipulationen regelt.

Seine Maßnahmen haben die Fußballwelt in der Türkei tief gespalten. Fenerbahce und Besiktas auf der einen und Galatasaray zusammen mit Tabzonspor auf der anderen Seite. Es besteht der Grund zur Annahme, dass die Streitereien erst in die zweite Runde gehen werden. Galatasaray hat bereits einen Rechtsstreit gegen die TFF gestartet. Und die Zeichen deuten darauf hin, dass sich die UEFA bald die Ärmel hochkrempeln muss, um die Misere zu regeln.

UEFA droht mit Sperre

Die UEFA bringt nun die bereits erwähnte schweizerische Mentalität ins Geschehen. Kompromisslos und bekannt dafür Nägel mit Köpfen zu machen werden sie vermutlich durchgreifen. Was dies genau bedeuten kann, zeigt die Drohung der UEFA die türkischen Teams mindestens für zwei Jahre aus dem europäischen Wettbewerb zu sperren.

Die Schlagzeilen könnte man sich aber bereits heute  ausmalen. Ein Bild des destruktiven, selbstzerstörerischen Türken, dem nur vom disziplinierten und regeltreuen Europäer geholfen werden kann, wird die Runde machen (dass die Europäer in der Regel aus diesem Klischee des Regeltreuen  fallen ist ein anderes Kapitel).

Cüneyt Cakir als Türke mit dem Schweizer Gen

Es stellt sich die Frage, ob die Türken es jemals schaffen werden, aus diesem geschilderten Klischee herauszutreten. Gibt es keine Türken mit diesem Schweizer Gen. Ein Blick in das Champions League Halbfinale würde ausreichen, um das Vertrauen in den türkischen Fußball erneut zu stärken.

Cüneyt Cakir verkörperte in diesen 90 Minuten ein völlig anderes Bild des bis dato ?bekannten? Türken. Regelkonform und kompromisslos leitete er  die Partie. Mit der Hilfe seiner Assistenten hat er Millionen von Zuschauern ein spannendes  Fußballspiel beschert. Das Spiel über, gab es keinen Anlass zur Sorge um Cakirs psychische Stabilität. Mit gelassener Miene dirigierte er das Geschehen. Zur Belohnung gab es die beste Note für einen Schiedsrichter, das die UEFA in der Champions League vergeben hat. Mit 10 von möglichen 10 Punkten wurde die Leistung des Türken ausgezeichnet.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Es bleibt nun die Zuversicht, dass die Türken es doch noch schaffen werden, mit eigenen Mitteln aus der Krise herauszutreten. Treu dem Motto, ?Quod me non necat, fimiorem me facit? (?Was mich nicht tötet, macht mich stärker?) will man den Fußball nach einer Reform wieder genießen können.